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Einmal „Theo...“ zum Muttertag

Lübeck Einmal „Theo...“ zum Muttertag

Vicky Leandros feiert in Lübeck ihr rundes Bühnenjubiläum. Das Publikum in der MuK-Rotunde singt gern und gut mit.

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Die deutsch-griechische Sängerin Vicky Leandros trat in der MuK erstmals in der Rotunde auf und begeisterte 700 Fans.

Quelle: Malzahn

Lübeck. Die Bühne ist vollgestellt mit Tourneeplakaten und Albumcovern, die eine 50-jährige Karriere abbilden. „Ich finde ja, sie wird immer hübscher, je älter sie wird“, hört man ein Raunen ein paar Plätze weiter. Musik und Anekdoten hat Vicky Leandros den Fans für ihre Jubiläumstour versprochen. Während die Staffeleien davongetragen werden, hat das Publikum genug Zeit für seine eigenen Anekdoten, die sie mit der Künstlerin verbinden. „Jetzt kann ich sie ja wieder hören“, sagt die Sitznachbarin fröhlich, „aber viele Jahre lang ging das gar nicht.“ In den 80ern spielte ihr Nachbar jede Nacht von 2 bis 4 Uhr in einer Endlosschleife „Theo, wir fahr‘n nach Lodz“: „Zum Wahnsinnigwerden. Aber jetzt bin ich drüber weg!“ Also freut sich die Seniorin uneingeschränkt auf die grazile Deutsch-Griechin. Die hat unterdessen hinter der Bühne angefangen zu singen, kommt zur Textzeile „Jetzt steh ich hier“ auf die Bühne und wird gleich beim ersten Refrain rhythmisch beklatscht.

700 Gäste sind ins MuK-Foyer gekommen. Der weibliche Anteil ist womöglich noch höher als sonst: Muttertag, der perfekte Anlass zum Konzertkartenverschenken. Ausführlich kommentiert wird Vicky Leandros‘ langes, schmal geschnittenes, glitzerndes Kleid mit kleiner Schleppe. Dann kann man sich wieder auf die Songs konzentrieren und mitsingen. Keine Frage, die Texte sitzen.

Das Programm der Leandros ist eine Mixtur aus melancholischen Songs mit sparsamer Instrumentalbegleitung und fröhlichen, partytauglichen Nummern. Bei den griechischen Liedern schaltet die Künstlerin, die gerade noch gefühlvoll Trennungsschmerz besungen hat, mühelos um auf südländische, fingerschnippende Leichtigkeit.

Ihr aktuelles Album trägt zwar den Titel „Ich weiß, dass ich nichts weiß“, aber das ist natürlich charmantes Understatement. Gerade als Sängerin weiß die 63-Jährige ganz genau, was sie tut: Sie zelebriert die alten Hits ebenso wie neuere Titel, für deren Produktion sie sich prominente Mitstreiter gesucht hat: Bei „Möge der Himmel“ ist die Handschrift von Xavier Naidoo unverkennbar, einige poppigere Kompositionen stammen vom „Rosenstolz“-Peter Plate.

Sechs Musiker unterstützen Vicky Leandros auf der Bühne — auch stimmlich: Das Team an den Instrumenten ist gleichzeitig der Backgroundchor. A cappella präsentiert man sehr witzig den Titel „Ich will alles“. Eine nette Auflockerung ist auch die Karaoke-Einlage. Das hemmungslose Mitsingen schätzt die Sängerin seit ihren Japan-Besuchen. Der Text von „Blau wie das Meer“ läuft langsam über die Leinwand, zwei Gäste singen tapfer in das Mikrofon, das ihnen der Star hinhält. Tapfer muss auch der Star selbst sein, wenn kuriose alte Filmschnipsel über die Leinwand flimmern. Ein Beitrag aus den 70ern befasst sich mit der Analyse von Vickys Handschrift. Die Sängerin fand schon dereinst im Interview keine Worte für diesen Blödsinn, die Vicky von heute bezeichnet ihn als „abgefahren“. Und das Publikum honoriert die Uneitelkeit, über die man zwangsläufig verfügen muss, wenn man solche Dinge wieder hervorkramt, über die längst gnädig Gras gewachsen war.

Andere Erinnerungen, an denen die Leandros ihre Fans teilhaben lässt, sind rührend. Die Verbundenheit mit Vater und Großmüttern wird greifbar, findet ihren Ausdruck in Liedzeilen wie „Liebe durchweht jeden Raum“. Bei diesen sentimentalen Stücken wird verständlich, dass einst Jacques Brel zu dem Teenager sagte, sie sei eine dramatische Sängerin. „Ich war zuerst so schockiert darüber, dass ich weglief“, erinnert sie sich.

Teil zwei des Konzertes, den die Leandros wieder in Schwarz, aber diesmal im kurzen Kleid bestreitet, endet, wie er enden muss: Das Publikum wünscht sich Theo, „den Unverwüstlichen“, wie die Sängerin ihn mit gespielter Verzweiflung nennt. Der Saal grölt mit — und die nachbargeschädigte Seniorin hat ihr „Lodz“-Trauma tatsächlich überwunden und feiert mit.

Von Sabine Räth

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