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Eintauchen, treiben lassen

Eintauchen, treiben lassen

Wenn Autoren ins Wasser gehen: Zwei wunderbare Sommerbücher über das Schwimmen vom Deutschen John von Düffel und vom Briten Roger Deakin.

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Hannover John von Düffel kommt nicht aus dem Wasser heraus. „Vom Wasser“, „Schwimmen“, „Wasser und andere Welten“ und „Wassererzählungen“ lauten die Titel seiner einschlägigen Romane, Erzählungen und Essays zum Thema. Jetzt bringt der Autor und Dramaturg eine „Gebrauchsanweisung fürs Schwimmen“ heraus. Da ist er – auch als aktiver Triathlet – also ganz in seinem Element.

Er schreibt über Seen, in denen es sich viel besser schwimmen lässt als in Schwimmbädern, über die Überwindung, die es kostet, ins Kalte einzutauchen, über das Vergnügen, sich im anderen Medium lange und frei zu bewegen. Nachdrücklich mahnt er Respekt für das Wasser an: „Man braucht nur einmal am Morgen nach einer lauen Sommernacht an den örtlichen Baggersee zu gehen. Wer über weggeworfene Einweggrills steigt, die im Uferwasser treiben, die Chipstüten, Tetrapacks, Bierflaschen und Zigarettenkippen, der bekommt einen hinreichend deutlichen Eindruck von unserem Umgang mit dem Element des Lebens. In ein paar Abendstunden wird dem Wasser zugemutet, was es in hundert Jahren nicht wieder abbauen kann, und das ohne jede Not und Notwendigkeit, einfach aus Mangel an Bewusstsein, weil wir das Kostbarste für selbstverständlich halten.“

Von Düffel schreibt über den richtigen Sitz der Schwimmbrille (rote Ringe um die Augen gibt es immer), übers Nacktbaden (naja) über Badehosen (nicht so wichtig), über die verschiedenen Schwimmstile (Rücken hilft dem Rücken, Brust schadet ihm) und über die „Domestizierung des Wassers“ im Pool. Alles sehr elegant und wirklich unterhaltsam. Passenderweise hat das Buch einen wasserabweisenden Einband.

Das Schwimmen muss eigentlich nicht verteidigt werden. Jeder kann es ja für sich entdecken. Verteidigt werden müssen allerdings die Flüsse und ihre Ufer und der freie Zugang zu ihnen. Das hat der britische Abenteurer, Dokumentarfilmer und Autor Roger Deakin mit seinem 1999 erschienen „Logbuch eines Schwimmers“ unternommen. Jetzt ist die deutsche Übersetzung (von Andreas Jandl und Frank Sievers) erschienen. Deakin, der 2006 starb, hatte einen irrwitzigen Plan gefasst: Er wollte innerhalb eines Jahres so viele Gewässer Großbritanniens durchschwimmen wie möglich. Von der Verwirklichung dieser spleenigen Idee berichtet er in seinem Logbuch. Dabei widmet er sich immer wieder dem Thema Zugang zu den Gewässern. Deakins wunderbares Buch ist auch eine Streitschrift gegen die Verschmutzung und die Privatisierung der Gewässer.

Und es ist eine Anleitung zur Überwindung. Oft steigt der Autor in eiskaltes Wasser (wobei ihm ein Neoprenanzug einen gewissen Schutz bietet), manchmal müht er sich durch Algen und Schlamm. Einmal stürzt er fast einen Wasserfall hinab. Das möchte man ihm vielleicht nicht gleichtun, aber der Reiz, ins Kalte zu springen, streift einen immer wieder bei der Lektüre dieses Erfahrungsberichts von einem, der etwas Unmögliches gewagt hat.

Roger Deakin gehört zu den liebenswert spleenigen britischen Autoren, die einer besonderen Leidenschaft frönen und darüber kenntnisreich, unterhaltsam und hochgebildet zu schreiben vermögen. Wie Helen Macdonald in „H wie Habicht“ oder Martin Windrow in „Die Eule, die gern aus dem Wasserhahn trank“ beschreibt er das, was er tut, mit vielen Seiten-, Quer- und Rückblicken. Medizin, Philosophie, Geschichte, Sport, Biologie – bei dieser Landerkundung aus Froschperspektive lernt der Leser viel. Und alles ganz leicht.

Deakin hat ein höchst erfrischendes Buch geschrieben. Man kann ganz hervorragend darin eintauchen. Und sich treiben lassen. Als Strandlektüre jedoch taugt es nur wenig, weil es den Leser auf jeder Seite auffordert, sich ins Wasser zu stürzen. Egal, wie kalt es ist.

„Gebrauchsanweisung fürs Schwimmen“ von John von Düffel: , Piper, 196 Seiten, 15 Euro.

„Logbuch eines Schwimmers“ von Roger Deakin, Naturkunden Nr. 21, herausgegeben von Judith Schalansky bei Matthes & Seitz, 390 Seiten, 38 Euro.

Zwei Autoren, die es ins Wasser zieht

John von Düffel wurde 1966 in Göttingen geboren. Der promovierter Philosoph ist Schriftsteller und Dramatiker („Weltkrieg für alle – Eine kurze Geschichte des Friedens“) sowie Dramaturg am Deutschen Theater in Berlin. Am Theater Lübeck wurden seine Bühnenversionen von Thomas Manns Romanen „Joseph und seine Brüder“, „Lotte in Weimar“ und „Doktor Faustus“ inszeniert. Auch mit Romanen war er erfolgreich, zuletzt erschien „Goethe ruft an“ über die Jagd eines Schriftstellers nach dem Erfolg (DuMont).

Roger Deakin wurde 1943 im englischen Watford (Hertfordshire) geboren. schrieb für diverse Zeitungen über Natur und Umwelt und produzierte Beiträge für die BBC. Als er im Jahr 2006 an einem Gehirntumor starb, hinterließ er mehrere unveröffentlichte Bücher, die er seinem Nachlassverwalter anvertraut hatte. „Logbuch eines Schwimmers“ („Waterlog: A Swimmer’s Journey Through Britain“) ist das einzige zu seinen Lebzeiten erschienene Buch, es stand monatelang auf den britischen Bestsellerlisten.

Ronald Meyer-Arlt

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