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Kultur im Norden Elke Heidenreich wird 75
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19:12 09.02.2018
„Alles häkelt, Elke liest!“: Elke Heidenreich feiert am Donnerstag ihren 75. Geburtstag. Quelle: Foto: Wdr/melanie Grande
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Köln

Also, natürlich nicht über ihren Geburtstag, nein, nein, aber vielleicht über ein neues Buch-, Musik- oder Fernsehprojekt? Oder über die deutsche Literaturszene? Oder die merkwürdige Stadt Köln, in der sie freiwillig schon so lange wohnt? „Herzlich und dennoch: Nein.“ Natürlich, sie fällt nicht darauf herein.

Dabei ist es nun auch wieder nicht so, als würde sie nie über das Älterwerden reden. Im Gegenteil. In ihrem Buch „Alles kein Zufall“ erzählt sie von ihrer besten Freundin, die wesentlich jünger ist als sie. Früher hat sie der öfter gesagt: „Werd’ du erst mal 50!“ Der Satz fiel zum Beispiel, wenn die Freundin sie zum Sport animieren wollte.

Als sie 60 wurde, sagte sie: „Werd’ du mal 60!“ und dann: „Wenn du mal 70 bist, wirst du an mich denken.“ Doch da bekam die Freundin einen Wutanfall: Sie sei die Sprüche einfach leid, machte sie ihr klar. Konsequenz: „Jetzt sage ich nichts mehr in der Richtung, werde vergnügt 80 und sehe ihr beim 60-Werden zu.“

So erfährt man ziemlich viel über Elke Heidenreich aus ihren Büchern. Auch sehr Persönliches. Sie ist zum Beispiel ihr ganzes Leben eine große Aufbewahrerin gewesen, aber mittlerweile mistet sie aus.

„Ich will denen, die ich liebe, ein derart gründlich verwahrtes Leben nicht zumuten“, begründet sie das. Jugendbriefe, Tagebücher, Zeitungsartikel – alles landet im großen blauen Müllsack.

Im Alter kommen frühe Erinnerungen mit Macht zurück, heißt es häufig. Auch bei Elke Heidenreich ist das so. Einmal geriet sie in den Niederlanden in einen Laternenumzug. „Die Laternen, der Gesang, die Kindheit stieg hoch, meine einsame Kindheit ohne richtige Familie, nie hatte ich eine Laterne, nie war ich bei den Umzügen dabei, meine Mutter mochte all so etwas nicht, und es war, als würde jetzt nach 60 Jahren der Kummer aus mir herausbrechen. Diese Stimmung, so ruhig, so liebevoll, so friedlich und arglos, löste ein heftiges Weinen in mir aus, einen lauten Schluchzer, Tränen.“

Elke Heidenreich ist ein Arbeiterkind aus dem Ruhrgebiet. Ihre Eltern lebten getrennt. Die Mutter hatte nicht viel Zeit, musste Geld verdienen. Sie nähte rote Samtvorhänge für die Kinos und Theater, die nach dem Krieg wieder öffneten. Ihr Vater war Automechaniker und reparierte die ersten Luxuswagen des Wirtschaftswunders. Manchmal holte er sie in einem Jaguar von der Schule ab, so dass alle große Augen machten. Dabei war ihr Zuhause deprimierend: „Fünf Personen, die sich hassten, in zwei Zimmern mit Küche, kein Bad, Klo eine Treppe tiefer.“

Ihr großer Tröster waren Bücher. Ihre Lehrerin gab die Parole aus: „Alles häkelt, Elke liest!“ Mit 15 Jahren kam sie als Pflegekind zu einer evangelischen Pfarrersfamilie nach Bonn und konnte Abitur machen. Danach studierte sie Germanistik, Theatergeschichte und Religionswissenschaft und arbeitete als Journalistin. Der Durchbruch kam Anfang der 80er Jahre mit der Moderation der Talkshow „Kölner Treff“, vor allem aber mit der Rolle als Metzgergattin Else Stratmann aus Wanne-Eickel. Und dann entwickelte sie sich im Fernsehen zu einer der einflussreichsten Literaturkritikerinnen der Republik. Der Philosoph und Autor Richard David Precht etwa dankt ihr heute noch jedesmal, wenn er sie trifft, dass sie in ihrer Sendung eines seiner Bücher in die Kamera hielt und sagte: Unbedingt lesen. Und Precht ist bei Weitem nicht allein.

Die Geschichte mit dem Laternenumzug geht übrigens noch weiter. „Da ließ ein kleines Mädchen die Hand seiner Mutter los, kam zu mir, nahm meine Hand und gab mir in die andere seine rotgelbe Laterne.

Wir gingen zusammen, und ich weinte all meinen Kinderkummer aus mir heraus, und das kleine Mädchen hat das alles verstanden.“

Von Christoph Driessen

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