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Kultur im Norden „Emil Nolde hatte keine weiße Weste“
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18:25 19.10.2013
So sah sich Emil Nolde 1947 im Alter von 80 Jahren selbst. Der Maler starb am 13. April 1956 hochgeehrt auf der nordfriesischen Warft Seebüll, die Nolde 1926 erworben hatte und 1930 bezog. Quelle: Nolde-Stiftung Seebüll

Lübecker Nachrichten: In der Schweiz sind Dokumente aufgetaucht, die von Emil Nolde selbst stammen und ihn als Verehrer des Nationalsozialismus ausweisen. Welche neuen Erkenntnisse ergeben sich daraus?

Christian Ring: Emil Noldes Brief vom 6. Dezember 1938 (in dem er sich uneingeschränkt zum Nationalsozialismus bekennt, d. Red) ist nur ein weiteres Puzzlestück. Dass er Hitler verehrt hat, darauf hat Walter Jens bereits 1967 hingewiesen in seiner Rede anlässlich des 100. Geburtstages von Emil Nolde. Seine Nähe zum Nationalsozialismus ist auch in der Forschung in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder aufgearbeitet worden. Insofern gibt es nichts spektakulär Neues, das das Nolde-Bild ins Wanken bringen könnte.

LN: Immerhin haben Sie eine Untersuchung in Auftrag gegeben, die das Verhältnis Emil Noldes zum Nationalsozialismus erhellen soll. Worum geht es genau?

Ring: Die Kunsthistorikerin Aya Soika und der Historiker Bernhard Fulda werden sich intensiv mit Noldes Verhältnis zum Nationalsozialismus beschäftigen. In den letzten Jahren gab es ja immer wieder in verschiedenen Publikationen, Ausstellungskatalogen oder Büchern Veröffentlichungen zum Thema Nolde und Nationalsozialismus. Jetzt wird es darum gehen, die ganze Bandbreite — Noldes Verhältnis zum Nationalen, die besondere Situation im deutsch-dänischen Grenzgebiet — auch unter Auswertung des kompletten bekannten Materials vorzunehmen. Es geht darum, im welchem Bereich der Grauzone sich Nolde bewegt hat. Ob es mehr in Richtung Weiß geht oder mehr in Richtung Schwarz.

LN: Man fragt sich, wie ein Maler, der zu den verfemten Künstlern gehörte und sogar Malverbot bekommen hat, Hitler verehren konnte?

Ring: Das ist eine sehr spannende und sehr wichtige Frage. Zum jetzigen Zeitpunkt kann ich darauf allerdings keine Antwort geben. Ich hoffe, dass die Studie, die unabhängig von unserer Stiftung erarbeitet und publiziert wird, eine Erklärung findet.

LN: Wann rechnen Sie mit Ergebnissen?

Ring: Ende Januar, Anfang Februar habe ich das Ganze angestoßen. Es wird sicherlich noch zwei Jahre dauern. Aber die ersten Ergebnisse werden bereits 2014 im Katalog zur Nolde-Retrospektive in Frankfurt am Main publiziert werden.

LN: Wird sich dadurch das Bild, das die Öffentlichkeit von Emil Nolde hat, radikal verändern?

Ring: Nein, überhaupt nicht. Ich glaube, wir müssen eine Unterscheidung machen, die von Nolde selbst stammt und auf die auch Walter Jens 1967 explizit hingewiesen hat: auf die Unterscheidung zwischen Nolde als Mensch und Nolde als Künstler. Das Besondere an Noldes Kunst ist ja, dass sie für die Moderne wegweisend ist. Sie steht dem Kunstverständnis der Nationalsozialisten diametral gegenüber. Nolde hat sich in keiner Weise an die von den Nationalsozialisten propagierte Kunstrichtung angedient. Wenn Sie seine Werke aus verschiedenen Jahren nebeneinanderstellen — nehmen wir 1910, 1920, 1930, 1935, 1940, 1950 — werden Sie keine Unterschiede in der Malweise oder der Themen sehen. Seine Kunst ist völlig losgelöst von seiner politischen Haltung.

LN: Wie kann es sein, dass Noldes Nähe zum Nationalsozialismus über Jahrzehnte in der öffentlichen Wahrnehmung kaum eine Rolle gespielt hat?

Ring: Das Thema Nolde und Nationalsozialismus gerät etwa alle fünf bis acht Jahre in den Blick, weil vielleicht ein neuer Brief auftaucht. In den 1990er Jahren haben die Stiftung und auch externe Forscher angefangen, die Parteimitgliedschaft intensiv zu untersuchen. Auch in dem Nolde-Band, der 2010 erschienen ist, gibt es einen großen Aufsatz zu Nolde und dem Nationalsozialismus. Wenn man die Publikationen sowohl der Stiftung als auch andere aufmerksam verfolgt, stößt man immer wieder auf das Thema.

LN: Auf der Homepage der Stiftung findet sich allerdings kein Hinweis auf Noldes Nähe zur NS-Ideologie?

Ring: Die Biografie auf unserer Homepage ist extrem kurz. Hier in der dokumentarischen Ausstellung in Seebüll ist sie umfangreicher. Das ist dem Umstand geschuldet, dass wir dabei sind, die Homepage komplett zu aktualisieren, sie etwas übersichtlicher zu machen. Das wird in der Ausstellungspause im Winter geschehen. Anschließend werden wir dann auch auf unserer Homepage eine ausführliche Biografie präsentieren, so wie wir es auch in unserer Ausstellung in unserer Dependance Berlin gemacht haben, wo auf Noldes Parteimitgliedschaft hingewiesen wird.

LN: Nolde gehört zu den Publikumsmagneten schlechthin. Erst kürzlich wurden 150 000 Besucher bei einer Nolde-Ausstellung in Baden-Baden gezählt. Wird die Diskussion über seine Nähe zum Nationalsozialismus dies ändern?

Ring: Das glaube ich nicht. Noldes Kunst ist wegweisend für den Durchbruch der Moderne in Deutschland. Sein politisches Verständnis spiegelt sich nicht in seiner Kunst wider.

LN: Er hat sich aber nicht immer tadellos verhalten. Nolde war antisemitisch eingestellt, hat sich über jüdische Kunsthändler und Kollegen zumindest abfällig geäußert. Seinen Kollegen Max Pechstein soll er beim Reichspropagandaministerium als „Juden“ denunziert haben.

Ring: Die Pechstein-Denunziation muss man verurteilen. Auch sein Verhältnis zu jüdischen Kunsthändlern gilt es, genauer zu untersuchen. Ich will überhaupt nichts beschönigen, aber auf der anderen Seite war Nolde eng befreundet mit der jüdischen Künstlerin Betty Turgel und ihrem Ehemann. Der Kontakt bestand über den Zweiten Weltkrieg hinaus. Auch das sind Punkte, die man berücksichtigen muss.

Natürlich wäre es schön, wenn Emil Nolde eine blütenweiße Weste gehabt und sich gegen das nationalsozialistische Regime gestellt hätte. Dem ist aber leider nicht so.

Möchtegern-Nazi aus Schleswig-Holstein
Emil Nolde (1867-1956) habe sich in einem bisher nicht bekannten Brief von 1938 zum Glauben an den „großen deutschen Führer Adolf Hitler“ bekannt, schrieb „Die Zeit“ vor kurzem. Auch habe sich der Künstler darin an seine schon „um 1910 geführten Kulturkämpfe gegen die herrschende Ueberfremdung in allem Künstlerischen und gegen die alles beherrschende jüdische Macht“ erinnert. Dass der populärste deutsche Maler des 20. Jahrhunderts 1934 der Nationalsozialistischen Arbeitsgemeinschaft Nordschleswig beitrat, war bekannt. Doch seine antisemitische Einstellung und seine Verehrung Adolf Hitlers ist der breiten Öffentlichkeit verborgen geblieben. Kein Wunder: Die Bilder Noldes waren für die Nazis trotz der NS-Begeisterung des Malers „entartet“, sein Gemälde „Leben Christi“ bildete den Mittelpunkt der Propagandaausstellung „Entartete Kunst“ von 1937. 1941 bekam Nolde Arbeitsverbot. Er selbst schrieb nach 1945 seine Autobiografie um und vertuschte seine NS-Begeisterung.

Christian Ring, seit September Direktor der Nolde-Stiftung im nordfriesischen Seebüll, lässt nun die Verbindung des Künstlers zum Nationalsozialismus aufarbeiten.

Interview: Liliane Jolitz

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