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Ende des Schaulaufens der Literaten?

Wien Ende des Schaulaufens der Literaten?

Die Entrüstung über die Einsparung des Bachmann-Preises ist groß. Das Thema bewegt die Literaturwelt.

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Das Klagenfurter Preislesen ist einmalig: Eine Autorin stellt sich der hochrangigen Jury, Lesung und Kritik werden im Fernsehen gesendet.

Quelle: Foto: dpa

Wien. „Es kommen härtere Tage / Die auf Widerruf gestundete Zeit / wird sichtbar am Horizont“, heißt es in einem Gedicht von Ingeborg Bachmann. Gestundet ist die Zeit auch für den nach ihr benannten Preis: Die berühmten „Tage der deutschsprachigen Literatur“ in Klagenfurt finden in diesem Jahr womöglich zum letzten Mal statt. Denn der Österreichische Rundfunk (ORF) will das Geld für die Ausrichtung des Literaturwettbewerbs einsparen. Von 350 000 Euro ist die Rede, die jährlich in das Festival flossen. Damit ist die Zukunft des Literaturfestes, das mit der Verleihung des Ingeborg-Bachmann- Preises an den Gewinner des Wettlesens endet, ungewiss. Der Titel der Eröffnungsrede, die der österreichische Autor Michael Köhlmeier am kommenden Mittwochabend zum Auftakt des diesjährigen Wettbewerbs halten wird, klingt wie eine düstere Prophezeiung: „Betrogene Liebe.“

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Joachim Meyerhoff.

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Die Zuneigung des deutschsprachigen Literaturbetriebes zur dreitägigen Leseveranstaltung, bei der die literarischen Taktgeber von Morgen gesucht werden, ist immens. „Wir verstehen nicht, dass eine so traditionsreiche Veranstaltung, die dem öffentlich-rechtlichen Auftrag des ORF ideal entspricht, also zu seinem ,Kerngeschäft‘ gehört und seit Jahrzehnten sein Renommee als Kultursender wesentlich ausmacht, von der Geschäftsführung in Frage gestellt wird“, klagt die Jury um Burkhard Spinnen in einem offenen Brief an ORF-Chef Alexander Wrabetz. „Ökonomische Kalküle haben zweifelsohne ihre Berechtigung. Sie dürfen aber nicht in allen Lebensbereichen die Oberhand gewinnen.“

Schriftsteller Uwe Tellkamp („Der Turm“), der 2004 den Preis gewann, nennt die Einsparungspläne skandalös. „Literatur braucht Aufmerksamkeit, Klagenfurt bietet sie“, schrieb Tellkamp in der „Süddeutschen Zeitung“. Autorin Katja Lange-Müller, Preisträgerin von 1986, kritisiert das mögliche Ende als Abgesang auf die einzige Literaturförderung, die Österreich zu bieten habe. Es wäre ein „kläglicher Imageverlust“, kritisierte sie im Kulturradio vom RBB.

„Das ist eine Veranstaltung, auf die man im Grunde stolz sein kann“, sagte der Präsident des Schriftstellerverbandes PEN, Josef Haslinger, im Deutschlandradio Kultur. Quotendruck rechtfertige die Abschaffung nicht, so Haslinger. „Das ist ein erster Schritt zu griechischen Zuständen“, meinte die Literaturkritikerin und Jurorin Daniela Strigl zur österreichischen Nachrichtenagentur APA.

Inger-Maria Mahlke, die 2012 im Rahmen der Literaturtage mit dem Ernst-Willner-Preis ausgezeichnet wurde, weist auf ein Hauptmerkmal des Wettbewerbs hin: Sie findet es reizvoll, dass statt der üblichen Preisträger-Lobhudelei in Klagenfurt auch die negative Kritik einen großen Raum einnimmt. Für Autoren sei das „Nachwuchsschaulaufen“, zu dem alle großen Verlage anreisen, ein „Sprungbrett in den Betrieb hinein“. Ihre Teilnahme habe das allgemeine Interesse an ihrem nach Klagenfurt veröffentlichten Roman „Rechnung offen“ wesentlich gesteigert. Auch fürs Publikum sei das Aus ein Verlust, findet Mahlke. Denn für die Zuschauer im Saal und an den Fernsehbildschirmen ergebe sich die Möglichkeit, „in sehr konzentrierter Form einen Querschnitt zeitgenössischer Nachwuchsliteratur zu erleben“.

Die oft eigens für den Wettbewerb geschriebenen Klagenfurter Texte sind von einer besonderen Dichte. Da es gilt, die Jury innerhalb von 25 Minuten Lesezeit in den Bann zu ziehen, muss jeder Satz durchkomponiert sein. Mahlke formuliert es so: „Der Drang, die Jury zu überraschen, führt dazu, dass die Klagenfurter Texte mit kühnen Geschichten, ungewöhnlichen Perspektiven und kreativen Konzeptionen aufwarten.“

Das seit 1977 ausgerichtete Wettlesen soll an die Tradition der „Gruppe 47“ anknüpfen, die in ihren Sitzungen neue Literatur zur Debatte stellte und auf diese Weise nicht nur Ingeborg Bachmann bekannt machte. Das Motto der 37. Festivalausgabe — natürlich eine Bachmann-Sentenz — kann als Kampfansage verstanden werden: „Seht zu, dass ihr wachbleibt!“

Wettkampf der Schriftsteller
Bei den „Tagen der deutschsprachigen Literatur“ in Klagenfurt wird das Wettlesen um den Ingeborg-Bachmann-Preis (25 000 Euro) ausgetragen. Er ist eine der wichtigsten literarischen Auszeichnungen im deutschsprachigen Raum. Ab Donnerstag, 4. Juli, treten zum 37. Mal 14 Autoren bei der dreitägigen Lesungen an. Sie müssen sich mit bislang unveröffentlichter Prosa einer prominent besetzten Jury stellen, die anschließend die Texte kritisiert. Die Mehrheit der Autoren kommt aus Deutschland, der namhafteste ist in diesem Jahr Joachim Meyerhoff, Autor des Romans „Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war?“ und ab Herbst Mitglied im Ensemble des Hamburger Schauspielhauses. Der Preis ist nach der aus Klagenfurt stammenden Dichterin Ingeborg Bachmann (1926-1973) benannt.


Im Fernsehen: 3Sat überträgt den Wettbewerb: Do. und Fr. ab 10.15 Uhr, Sa. ab 9.45, So. ab 11 Uhr

Nina May und Sandra Walder

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