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Kultur im Norden Endlich verliebt – in drei Frauen
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19:15 08.11.2017
Joachim Meyerhoff (50), Schriftsteller und Schauspieler des Jahres 2017, hatte es am Anfang seiner Laufbahn schwer. Quelle: Foto: Leonardo Cendamo Leemage
Lübeck

„Zu große Zähne, zu große Augen, zu platte Nase, verdammt kurze Haare“ – der Ich-Erzähler lernt Hanna auf einer Premierenfeier kennen. „Sie gefiel mir sofort.“ Er ist 23 Jahre alt und hat sein erstes Engagement als Schauspieler am Stadttheater Bielefeld. Die hochgebildete und sehr eigenwillige junge Frau wird die erste große Liebe seines Lebens. „Wo Hanna war, waren Wunder nicht weit.“

Und wo Meyerhoff ist, ist Chaos nicht weit, möchte man ergänzen. Denn der junge Schauspieler, in Liebesdingen noch ziemlich unerfahren, unterhält bald weitere Beziehungen zu Frauen – zu der Tänzerin Franka sowie der Bäckerin Ilse, einer drallen Mittvierzigerin. Inzwischen hat er am Dortmunder Theater eine neue Stelle gefunden, mit Hanna führt er eine Fernbeziehung.

„Eines war mir vollkommen klar, früher oder später würde es eine Katastrophe geben“, heißt es in dem Roman. „Auf Dauer war es unmöglich, alle Zufälle zu bedenken, jede noch so winzige Spur zu beseitigen und Unwägbarkeiten ausnahmslos bereits im Vorhinein zu erkennen und zu entschärfen.“ Vor der Katastrophe aber kommen innige Momente. Mit Hanna, bei der sein Hirn niemals aufhört zu rattern, mit der einsilbigen Franka, bei der die Sinne rauschen, mit Ilse, bei der er sich sicher fühlt.

Man weiß, dass Meyerhoffs Bücher einen hohen autobiografischen Anteil haben. Wie hoch dieser ist, verrät er jedoch nicht. Und so geht man mit ihm durch seine ersten Jahre als Schauspieler, auf Vermutungen angewiesen, was wahr ist und was erfunden ist, mehr und mehr davon überzeugt, dass vieles zu skurril ist, um Fiktion zu sein. Manchmal wird es sogar ein wenig platt, etwa wenn der junge Schauspieler mit Hanna im Zug von Bielefeld nach Dortmund sitzt, wohl wissend, dass Franka am Zielort auf dem Bahnsteig auf ihn wartet.

Solche Stellen mögen nicht zu den stärksten gehören. Andere sind umwerfend komisch. Beispielsweise, wenn der junge Schauspieler pinkeln muss, aber wegen einer Erektion beim besten Willen nicht kann.

Einer der Höhpunkte ist eine Szene, in der er in dem Musical „Anatevka“ singen soll. Ein Korepititor hat ihn intensiv vorbereitet. Die erste Orchesterprobe mit dem Dirigenten steht bevor – und der junge Schauspieler singt derart falsch, dass die Premiere gefährdet ist. „Ich war schon oft in meinem Leben fassungslos angesehen worden, aber das hatte eine neue Qualität“, schreibt Meyerhoff.

Aus Misslungenem und Peinlichem einen Witz herauszuzaubern, der anderen verborgen ist oder der für sie nicht greifbar ist, weil die Schande dies nicht zulässt, das kann er meisterhaft. Einen Witz entwickeln, der fast alles entschärfen und verwandeln kann.

Einiges erfährt man in dem Buch auch über das Innenleben von Stadttheatern. Sie kommen bei ihm nicht gut weg. All die Klassiker, die immer wieder gespielt würden, hätten mit dem wirklichen Leben doch nichts zu tun. Überhaupt hadert der junge Schauspieler, nicht einmal halb so alt wie Joachim Meyerhoff (50) heute: „Trotz erster kleiner Erfolge hasste ich meinen Beruf noch immer.“

Er bläht sich nicht auf, das schafft Sympathie. „Die Zweisamkeit der Einzelgänger“ ist vorzüglich für ein paar kurzweilige Abende geeignet. Wie in den vorangegangen Büchern auch steckt aber sehr viel Traurigkeit darin. In kluge und sehr berührende Worte ist gefasst, dass er am Unfalltod des mittleren Bruders, am Krebstod des Vaters und dem Tod der hochbetagten Großeltern noch schwer zu tragen hat. Man wünscht ihm so sehr, dass es ihm gelingt, sich „aus dem Klammergriff der Verstorbenen“ zu befreien.

Schauspieler des Jahres

Joachim Meyerhoff, 1967 in Homburg/Saar geboren, wuchs mit seinen Eltern und seinen beiden älteren Brüdern in Schleswig auf. Seit 2005 ist er Ensemblemitglied des Wiener Burgtheaters. 2007 und 2017 wurde er zum Schauspieler des Jahres gewählt.

„Die Zweisamkeit der Einzelgänger“, bei Kiepenheuer & Witsch erschienen, hat 416 Seiten und kostet 24 Euro. Seine weiteren Titel: „Wann wird es endlich wieder so wie es nie war“, „Alle Toten fliegen hoch“ und „Ach diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“.

Liliane Jolitz

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