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Endlich wieder die Sau rauslassen

Wacken Endlich wieder die Sau rauslassen

Drei Tage harte Musik mit bis zu 120 Dezibel: Mit dem Start des Festivals Wacken Open Air herrscht in dem Dorf im Kreis Steinburg wieder der Ausnahmezustand. Und Ugly Kid Joe hebt das Konzert-Zelt aus den Heringen.

Wacken. Zigtausende der rund 75000 Heavy-Metal-Fans sind bereits zum Wochenbeginn angereist, aber erst am vergangenen Mittwoch war das „Holy Wacken Land“ endlich auch vom Dröhnen der Verstärker erfüllt, und die ersten namhaften Bands durften sich über eine große Kulisse freuen.

Gestern wurden zwar erst ab der offiziellen Eröffnung um 15 Uhr die drei großen Bühnen, die in diesem Jahr getreu dem Wacken-Motto in „Faster“, „Harder“ und „Louder“ umbenannt wurden (also in schneller, härter und lauter) bespielt, doch das Wacken-Feeling war bereits am Tag zuvor spürbar. Der traditionelle Auftritt des Musikzugs der Feuerwehr Wacken – als W:O:A Firefighters“ – war schon am Nachmittag bejubelt worden.

Der Metal-Gott heißt in Wacken seit Jahren Petrus, und so sind diverse Flächen schon zu Morast und dem beliebten Matsch geworden. Damit der Boden nicht noch weiter durch Biertransporter belastet wird, sorgt eine insgesamt sieben Kilometer lange Bierpipeline dafür, dass der Stimmung spendende Saft zügig in die trinkfreudige Kundschaft gelangt.

Im „Bullhead City Circus“ befinden sich die „W.E.T. Stage“ und die „Headbanger Stage“, die abwechselnd bespielt werden. Nach der rumänischen Band E-an-na, die ihren tiefen Gitarrensound mit Flöte, Sackpfeife, Violine und Mandoline folkloristisch anreichert, steht mit Flotsam & Jetsam eine Speed/Trashmetalband der ersten Stunde auf der Bühne. Mitgegründet wurde die Band von Jason Newsted, der später als Bassist von Metallica zu Ruhm und Reichtum kam. Als legendär gilt ihr Debütalbum „Doomsday For The Deceiver“ (etwa „Jüngstes Gericht für den Betrüger“), aus dem die Mannen um den großartigen Sänger Eric A.K. nach wie vor zitieren, aber auch ihr neues selbstbetiteltes Album wartet mit Großtaten auf. „Seventh Seal“ oder „Life Is A Mess“ machen kräftig Feuer unterm Zeltdach, und Eric A.K. ist nach wie vor einer der kraftvollsten und dynamischsten seiner Zunft.

Nebenan hat Henry Rollins, bekannt durch die Hardcore-Band Black Flag, seine Spoken-Word- Performance aus gesellschaftskritischen Denkanstößen sowie herrlichsten Rock’n’Roll-Anekdoten beendet, und somit ist Gelegenheit zu einem Besuch im „Wackinger Village“, einem großflächigen Mittelalter-Dorf. Dort brettert die apokalyptisch kostümierte Industrial-Metalband Sub Dub Micromachine aus Berlin ihre Beats und Riffs ins zahlreiche Publikum.

Endlich trifft man auch die ersten schlammverschmierten Gestalten. Das sind keineswegs nur Menschen, die aus einer bierbedingten körperlichen Instabilität heraus Bodenkontakt hatten, sondern vielen ist es wohl einfach ein Bedürfnis, im wahrsten Sinne die Sau rauszulassen. Der anschließenden Aufforderung zur Umarmung kommen einige Besucher gern nach.

Am Eingang zum „Wacken Plaza“, auf dem sich auch der „Bullhead City Circus“ befindet, geht nichts mehr, denn gefühlt alle wollen Ugly Kid Joe sehen. Die kalifornische Band kann mit „Cats In The Cradle“ und „Everything About You“ auf zwei Hits verweisen, die immer noch eine große Anziehungskraft ausüben und natürlich am meisten gefeiert werden. Doch auch Songs wie „No One Survives“ oder der Groove-Rocker „Neighbor“ heben das Zelt aus den Heringen. Als „best crowd so far“ bezeichnet Sänger Whitfield Crane das Publikum, das könnte angesichts der euphorisierten Masse durchaus stimmen.

Viele nutzen schnell den Bauzaun statt des Urinals (Gedanken an Wacken als das größte Dorffest der Welt kommen auf), um sich dann bei den Kanadiern Annihilator zu Songs wie „King Of The Kill“ wieder ausgiebig dem Headbangen zu widmen. Einstimmung für Headliner wie Accept und Volbeat, die am Donnerstagabend die großen Bühnen zum Leben erweckten. Aber auch eine Popgruppe war gestern Abend eine Attraktion: Status Quo um den Gitarristen und Sänger Francis Rossi („Rockin’ All Over the World“, siehe rechts) sollten die Stil-Toleranz der Heavy-Metal-Gemeinde auf die Probe stellen.

Kai-Peter Boysen

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