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Epische Miniaturen

Hamburg Epische Miniaturen

Die Künstlerin Li Trieb zeichnet ihre Bilder mit spitzem Bleistift. Dabei entstehen Zeichnungen, die wie Fotos wirken.

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Li Trieb (64) bei ihrer Filigranarbeit in ihrem Hamburger Atelier. Auf der Rückseite des Bildes notiert sie die aufgewendete Arbeitszeit.

Quelle: Olaf Malzahn

Hamburg. Manchmal, sagt Li Trieb, kommen Leute, setzen sich in den Sessel, schauen auf das Bild an der Wand gegenüber und sind eine Viertelstunde weg. Verschwunden. Nicht mehr da. Das heißt, sie sind natürlich noch da, aber sie mäandern irgendwo durch diese Eislandschaft, durch diese schwarzweiße Meditation über Wasser in einem anderen Aggregatzustand. Irgendwann tauchen sie wieder auf, und dann hat ihre Kunst im Grunde schon ihren Zweck erfüllt.

LN-Bild

Die Künstlerin Li Trieb zeichnet ihre Bilder mit spitzem Bleistift. Dabei entstehen Zeichnungen, die wie Fotos wirken.

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Li Triebs Bilder sind Übungen in Demut. Und in Langmut. Es sind Versuche über die Zeit. Darüber, was sie mit einem macht und man selbst mit ihr. Es sind Bilder, in denen die Kraft aus der Ruhe kommt.

Vorher aber hat Li Trieb Schlachten des Filigranen und Akkuraten geschlagen auf ihrem Stuhl, den Fuß auf einem hölzernen Klotz, den sie bei der Hamburger Kunsthalle gefunden hat. Vor sich hat sie großes tiefporiges Papier, neben sich dunkelgrüne Bleistifte von Faber-Castell in allen Härtegraden. Und wenn ein Bild fertig ist, nach ewigen Stunden, schaut man auf eine Zeichnung, die sich als Foto ausgeben könnte. Aber es ist Handwerk, Handwerk im besten Sinn.

Das Atelier liegt oben unterm Dach eines Hauses in einer ruhigen Seitenstraße in St. Georg. Durch die Fensterreihe fällt Licht aufs Parkett. Auf einem Regal an der Wand stehen Gläser mit Wasser aus allen Erdteilen, alle sorgsam beschriftet mit Herkunft und Datum. Und vor dem Fenster stehen drei Behälter mit Bleistiften, spitz und bis zum Ende aufgebraucht. Es sind 582 Stück. Es ist die Bilanz einer Arbeit, die vor 17 Jahren begonnen hat.

Es war eine lange Reise bis dahin. Begonnen hat sie im bayerischen Neustadt an der Donau und im Internat Kloster Gnadental in Ingolstadt, wo Schwester Euphemia ihr riet, etwas Künstlerisches zu machen. Es folgten ein Studium, eine Schneiderlehre und ein eigenes Couture-Atelier in Bern. Es folgte aber vor allem der Weg nach Asien und die Versenkung in sich selbst.

Ein halbes Jahr war sie in Thailand in einem buddhistischen Kloster im Norden des Landes, mitten im Dschungel. Es war hart, es ging an die Grenze. Aber wenn sie zum Abschluss drei Tage und drei Nächte meditiert hatte, wenn jede Handlung in ihre Bestandteile zerlegt und ein Schritt die Summe sechs einzelner Bewegungen war, dann war es unbeschreiblich, dann war es „göttlich“.

Heute meditiert sie nicht mehr. Aber heute sitzt sie an ihren Bleistiftzeichnungen, an diesen epischen Miniaturen, und das kommt der Meditation sehr nahe. Hinten auf den Bildern ist vermerkt, wie lange sie an ihnen gearbeitet hat. Jeder Tag hat einen Eintrag, vom ersten bis zum letzten Strich. Und dann kann es passieren, dass da am Schluss 40152 Minuten stehen. Das sind 669 Stunden; fast 28 Tage. Und dann kommt das nächste Bild.

Begonnen hat die bleierne Zeit zur Jahrtausendwende, als sie morgens in den Himmel schaute und seiner Farbe einen Namen gab. Buchbinderkartongrau zum Beispiel. Oder eisighellblau. Das macht sie heute noch, jeden Tag. Und sie macht auch jeden Tag ein Foto. Dann begann sie, Wolken zu malen. Wobei Malen das Auftragen farbiger Pigmente mit Watte meinte. Und über die Wolken kam sie zum Wasser. Sie zeichnete im großen Format Regentropfen, die in eine Pfütze fallen. Sie zeichnete Wasseroberflächen. Sie zeichnete Seerosen, Fische. Jetzt hat sie sich an ihr erstes Schneebild gemacht, weil Schnee ja auch Wasser ist, also auch ein „archetypisches Element“, es kommt nur anders daher.

Ihre Kunst ist eine, die sich auf das Wesentliche beschränkt. Sie braucht Stifte und Papier, mehr nicht. Es ist eine genügsame Kunst, aber eine, die große Fragen stellt. Jeden Tag ein Foto zu machen bedeutet übers Jahr gerechnet 3,5 Sekunden. Mehr kommt nicht zusammen zwischen Öffnen und Schließen der Linse. Eine 88 mal 88 Zentimeter große Wasseroberfläche zu zeichnen dauert dagegen drei Monate.

Und trotzdem sind es in beiden Fällen Momentaufnahmen, gefrorenes, angehaltenes Sein. „Letztlich“, sagt sie, „ist es ja immer die gleiche Frage, die Menschen bewegt: Wie verbringe ich meine Lebenszeit?“

Ausstellung in Hamburg

Ihre erste große Ausstellung hatte Li Trieb (64) im Jahr 2006 im Museum Franz Gertsch in der Schweiz, das war der Durchbruch. Vor zwei Jahren wurden Bilder von ihr im Hamburger Bucerius Kunst Forum gezeigt. Im kommenden Jahr ist wieder eine Einzelausstellung in Berlin geplant. In Hamburg lebt und arbeitet Li Trieb seit 1995.

Bis zum 15. Mai sind Li Triebs Arbeiten in der Galerie Commeter (Bergstraße 11) in Hamburg zu sehen.

 Peter Intelmann

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