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„Er fasziniert heute noch“

„Er fasziniert heute noch“

Vor 150 Jahren wurde Emil Nolde geboren. Für Christian Ring, Direktor der Nolde-Stiftung Seebüll, war der Maler seiner Zeit weit voraus.

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Farbgewaltig: das 1942 entstandene Gemälde „Großer Mohn (rot, rot, rot)“.

Quelle: Foto: Nolde- Stiftung Seebüll

Emil Nolde war zu Spitzenzeiten der bekannteste und auch am besten verdienende Maler seiner Zeit. Wie wird der Künstler heute wahrgenommen?

Christian Ring: Er gehört für mich zu den wichtigsten Malern des Expressionismus, weil er mit seiner radikalen Formensprache einen ganz eigenen Weg eingeschlagen hat. Nolde fasziniert die Menschen bis heute. Man mag glauben, dass man ihn als Künstler sehr gut kennt. Aber das Werk hält noch viele Überraschungen bereit. Das zeigt zum Beispiel die Ausstellung „Nolde in der Südsee“, die zurzeit auf Schloss Gottorf gezeigt wird. Dort sind Arbeiten zu sehen, die kaum jemand kennt. Nolde begeistert auch deshalb, weil sich unser Bild von ihm noch ständig ändert und erweitert.

Wie wirkt sein Werk auf junge Menschen?

Hier in Seebüll und auch in anderen Ausstellungen ist zu beobachten, dass Noldes Bilder Menschen aller Altersgruppen bewegen. Auch Kinder sind fasziniert von den Farben, von den Motiven und von der Darstellung. Was Noldes Werk so großartig macht, ist: Wir brauchen keinen theoretischen Überbau. Wir können uns die Werke anschauen und sie genießen.

Nolde war sehr um Erfolg bemüht. Hat er seinen Stil entwickelt in der Hoffnung, damit erfolgreich zu sein?

Nein. Er hatte einen riesengroßen innerlichen Drang, sich künstlerisch zu äußern, und zwar gegen alle Widerstände. Zu Kaisers Zeiten hat er nicht die Anerkennung bekommen, die er sich erhofft hatte, in der Weimarer Republik ebenfalls nicht. Zu Beginn seiner künstlerischen Tätigkeit lebte er viele Jahre lang in bitterer Armut, hat sich davon aber nicht beeindrucken lassen. Später im Nationalsozialismus, als urdeutsche und urgermanische Kunst verlangt wurde, hoffte er, dass die Anerkennung endlich kommen würde, weil er seine Kunst so verstanden hat. Nolde hat es Kritikern sehr, sehr übel genommen, wenn sie sich negativ geäußert haben. Er war da sehr nachtragend. Aber er hat sich nicht beirren lassen und sich bei allen Widerständen, die ihm von der Berliner Secession oder später von den Nazis entgegengebracht wurden, nicht von seinem Weg abbringen lassen. Künstlerisch war er seiner Zeit 20 Jahre voraus.

Was machte ihn zum Avantgardisten?

Die Malerei, die nach 1900 und in den 1910er Jahren entstanden ist, war noch dem Realismus und Impressionismus verhaftet. Und dann kam ein Künstler wie Nolde, für den Farbe das wichtigste Ausdrucksmittel war, der mit breiten Pinselstrichen sehr, sehr grob arbeitete. Dieser expressive und wilde Ausdruck hat die Menschen damals vor den Kopf gestoßen. Mit dem freien Umgang mit der Farbe, mit der Form, mit der Darstellung und der Interpretation von Landschaft und Figuren wie auch mit der Darstellung und Interpretation von biblischen und Legendenbildern hat er angeeckt.

Lange Zeit galt Emil Nolde als von den Nazis verfehmter Künstler. Erst seit kurzem ist bekannt, dass er dem Nationalsozialismus sehr nahe stand.

Nolde selbst hat sich nach dem Zweiten Weltkrieg als Opfer des NS-Regimes stilisiert und damit einen Mythos genährt, der bis heute wabert. Den brechen wir auf, indem wir auch die andere Seite Noldes darstellen. Er war kein unbelasteter Held, sondern er hat wie Millionen anderer Deutscher auch mit dem nationalsozialistischen Regime sympathisiert. Bis Ende des Jahres läuft ein Forschungsprojekt zu diesem Thema. Ende Oktober werden wir zu Nolde und dem Nationalsozialismus in Hamburg eine Tagung veranstalten, bei der sich mehrere Referenten dem Thema nähern werden. Zu meinen Aufgaben als Direktor der Nolde-Stiftung gehört auch, die Fakten nüchtern auf den Tisch zu legen.

Wie kann das gehen: einen Künstler zu verehren, der sich zum Nationalsozialismus bekannt und sich nie davon distanziert hat? In dem neuen Nolde- Film von Wilfried Hauke äußert sich der Künstler Christopher Lehmpfuhl dazu. Er sagt, dass Nolde als Künstler gemalt habe, nicht als Anhänger des NS-Regimes. Wie ist Ihre Position?

Ich stimme ihm zu. Nolde hat sich mit seiner Kunst nicht angepasst. In den kleinformatigen Aquarellen, die bereits ab 1930 entstanden sind und dann schwerpunktmäßig in der Zeit, als er Berufsverbot hatte, malt er genau so radikal weiter wie zuvor. Diese Arbeiten stehen dem, was die Nationalsozialisten von deutscher Kunst erwarteten, diametral entgegen.

Hat die Diskussion um seine Sympathie für das NS-Regime Noldes Ansehen als Künstler geschadet?

Ich glaube, dass man mehr hinterfragt. Und das ist gut so. Wir haben uns auch die Frage gestellt, wie das zusammengeht, seine großartige Kunst und seine Nähe zum Nationalsozialismus. Ich glaube, dass es darauf keine abschließende Antwort geben wird. Bis Ende dieses Jahres soll die Studie vorliegen. Die Wissenschaftler Bernhard Fulda und Aya Soika hatten erstmals Zugang zum kompletten Archiv der Nolde-Stiftung.

Welche Erkenntnisse erhoffen Sie sich noch von der Studie?

Seit 2013 sind Zwischenergebnisse veröffentlicht worden. Eines davon, dass sich Nolde nicht von den Nationalsozialisten abgewandt hat, war auch für mich neu. Ich hatte erwartet, dass er sich 1937, nach den Beschlagnahmungen seiner Bilder in den Museen, nach der verachtenden Ausstellung „Entartete Kunst“, spätestens 1941 nach dem Ausschluss aus der Reichskammer der Bildenden Künste und dem damit verbundenen Berufsverbot vom NS-Regime abwenden würde. Das ist nicht erfolgt – ein wichtiger Punkt in Noldes Biografie, der vorher noch nie dargestellt worden ist.

Liliane Jolitz

Porträt eines Malers

„Emil Nolde – Maler und Mythos“ ist der Titel des Dokumentarfilms von Wilfried Hauke zum 150. Geburtstag des Malers. Der Regisseur hat sich dafür nach Seebüll an der deutsch-dänischen Grenze begeben, dem letzten Wohnort des Malers und Sitz der Nolde-Stiftung. Hauke zeichnet das Leben Noldes nach, thematisiert seine Nähe zum Nationalsozialismus und lässt Zeitzeugen und Bewunderer zu Wort kommen.

Zu sehen: Heute, 11.30 Uhr, NDR Fernsehen, 10.15 Uhr 3sat. Am 2.9., 16 Uhr, auf Schloss Gottorf, die Schau „Nolde in der Südsee“ läuft bis zum 3.9. Die Nolde-Stiftung Seebüll zeigt den Film ständig ab dem 8.8.

Ungemalte Bilder

Emil Nolde (1867-1956) kommt am 7. August 1867 in Nolde in Nordschleswig zur Welt. 1902 heiratet er die dänische Schauspielerin Ada Vilstrup. 1937 wird Noldes Kunst als „entartet“ eingestuft, obwohl er Mitglied der NSDAP ist. Nach der Ausstellung „Entartete Kunst“ in München werden insgesamt 1052 Werke des Malers aus öffentlichen Museen entfernt. Vier Jahre später erhält Nolde Berufsverbot. Seine in dieser Zeit angefertigten Aquarelle im Kleinformat bezeichnet er als „ungemalte Bilder“. Nolde stirbt am 13. April 1956 in Seebüll.

Interview:

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