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„Er ist kein netter Kerl“

Frankfurt am Main „Er ist kein netter Kerl“

Daniel Kehlmann beschreibt in seinem neuen Roman „Tyll“, wie die sagenhafte Gestalt Till Eulenspiegel zum Gaukler wird und der bedrängenden Enge seines Dorfes entflieht. Der Roman führt hinein in die Zeit des 30-jährigen Krieges und liefert ein Panorama mit Hunger, Inquisition und den Gräueln des Krieges.

Frankfurt am Main. Ihr Buch handelt von dem legendären Gaukler Eulenspiegel. Steckt auch in Ihnen ein Eulenspiegel?

 

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„Tyll ist mir als Figur sehr rätselhaft“: Daniel Kehlmann.

Quelle: Foto: Imago

Der Tyll in meinem Roman ist anarchistisch, brutal und rätselhaft. Er ist kein netter Kerl. Ich weiß nicht, ob in mir so einer steckt, aber als Künstler kann ich nur sagen: Ich hoffe es.

Sie beschreiben Tylls Kindheit, wie er lieber Seiltanzen übt, als auf die Erwachsenen zu hören. Es gibt eine Initialzündung, als er als Kind nachts im Wald alleingelassen wird, sich mit Eselsblut einreibt und sich gleichsam in eines der Ungeheuer verwandelt, vor denen er Angst hat. Hat das Possenreißen für ihn also zwei Funktionen: Aufbegehren und Selbstermächtigung im Angesicht des Grauens?

Ganz ehrlich, ich weiß es nicht. Tyll ist mir als Figur sehr rätselhaft. Er kam fertig ausgeformt zu mir, er war schon so, als ich mit dem Schreiben des Buches begonnen habe. Ich würde aber nicht von „Possenreissen“ sprechen, er ist ja ein echter Artist, er kann Jonglieren und Seiltanzen und viele andere Dinge wie kein anderer. Das ist das, was er kann, und natürlich gibt es ihm Stärke, auch im Angesicht des Schreckens. Er verdient allerdings auch seinen Lebensunterhalt damit, das ist auch keine Nebensache in einer Welt, wo man sehr schnell stirbt und keine Obrigkeit einen beschützt.

Welche Rolle spielt das Symbol des Seiltanzes?

Eigentlich ist es kein Symbol – Tyll ist einfach ein Seiltänzer. Aber natürlich, Seiltanz wird ganz von selbst zur Metapher, zu einem Bild von Leichtigkeit und Eleganz über dem Abgrund – Gefahr und Schönheit bilden ein Paar, das untrennbar miteinander verbunden ist.

Inwieweit entspricht dieser Roman Ihrer Idee vom Schreiben?

Ich habe immer wieder über Bücher gesprochen, die mich geprägt und begeistert haben. Aber ich habe nie Regeln aufgestellt – im Gegenteil, das Großartige an der Form des Romans ist ja ihre Offenheit. Romane können auf so viele unterschiedliche Weisen gut sein; warum soll man das einschränken, warum diese Möglichkeiten enger und kleiner machen? Für „Tyll“ war zum Beispiel Shakespeare eine wichtige Präsenz, seine Königsdramen, auch seine Komödien, und es war ja Shakespeares Zeit! Eine meiner Hauptfiguren, die Winterkönigin Elizabeth Stuart, hat ihn ja noch von Angesicht zu Angesicht gekannt. Deshalb zum Beispiel habe ich in meinen Frankfurter Poetikvorlesungen ausführlich über Shakespeares Komödien gesprochen – aber daraus ist keine Regel abzuleiten und auch keine Idee, der mein Roman entsprechen würde!

Wie viel Historie steckt im Roman, was ist Fiktion?

Ich habe sehr genau recherchiert und auch Hilfe bekommen, unter anderem vom Historiker Leonard Horowski, dem gebildetsten Menschen, den ich je kennengelernt habe. Die verbleibenden Fehler sind natürlich meine, nicht seine. Aber viel ist auch erfunden! In Wahrheit ist der Winterkönig Friedrich in Mainz im Bett gestorben, nicht im Schneetreiben am Wegrand wie bei mir. In Wahrheit ist Elizabeth Stuart nicht zu den Friedensverhandlungen nach Osnabrück gereist. In Wahrheit hat Tyll Eulenspiegel vielleicht lange vorher und wahrscheinlich nie gelebt. Aber sehr viel anderes stimmt: Die Orte, die Schlachten, die Belagerungen, auch die Hexenprozesse sind im Großen und Ganzen so vor sich gegangen wie bei mir erzählt.

Ihr Roman „Die Vermessung der Welt" war eine historische Geschichte, jetzt erzählen Sie wieder eine. Was gefällt Ihnen daran?

Wir neigen immer dazu, unsere Gegenwart für notwendig und vernünftig zu halten. So wie es ist, denken wir, das ist der Normalzustand, und Vergangenheit und Zukunft sind seltsame Abweichungen.

Aber die Menschen früher haben ihre Gegenwart ebenso als Normalzustand erlebt. Es kam ihnen nicht seltsam vor, dass sie mit Pferden gereist sind und die Bahn noch nicht erfunden war. Und ihre Helme und Hellebarden waren keine schönen altmodischen Waffen, sondern so sahen für sie eben Waffen aus. Es interessiert mich, mich in vergangene Epochen zu versenken und mir vorzustellen, wie es wirklich war, damals zu leben, wie die Menschen fühlten und dachten. Die Gegenwart ist nur so kurz, die Vergangenheit so lang und so reich, und wenn man aus ihr zurückkommt, ist vieles in der Gegenwart von neuem seltsam und interessant.

Welche Figur nach Alexander von Humboldt, Friedrich Gauß und jetzt Till Eulenspiegel reizt Sie noch?

Till Eulenspiegel ist ja eine ganz andere Art von Figur als Humboldt und Gauß. Es gibt historische Figuren in dem Roman „Tyll“, aber Till Eulenspiegel gehört nicht zu ihnen. Andere Figuren? Im Augenblick habe ich keine Ideen und keine Pläne, ich bin erschöpft und froh und denke über nichts Neues nach.

Was würde Humboldt von den ewigen Diskussionen über das geplante und nach ihm benannte Forum in Berlin halten?

Humboldt würde das sicher gefallen.

Was würde Till Eulenspiegel tun, lebte er heute? Wie würde er auf die aktuellen Koalitionsverhandlungen reagieren?

Ich kann Ihnen nur sagen, was meine Romanfigur Tyll dazu denken würde. Dem wäre es ganz egal. Und was er heute tun würde? Seiltanzen! Interview:

Nina May

2005 der Durchbruch

Daniel Kehlmann (42) wuchs in Wien auf. Er studierte Philosophie und Germanistik. Mit dem Roman „Die Vermessung der Welt“ über den Mathematiker Carl Friedrich Gauß und den Naturforscher Alexander von Humboldt gelang ihm 2005 der Durchbruch. Das Buch wurde weltweit millionenfach verkauft. In „Ruhm – Ein Roman in neun Geschichten" (2009) verquickte er neun Episoden rund ums Thema Mediennutzung miteinander. Daniel Kehlmann lebt mit seiner Frau und seinem Sohn in New York.

LN

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