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Er malte, als die Bomben fielen

Bremen/Aleppo Er malte, als die Bomben fielen

Von Aleppo nach Bremen: Ein syrischer Künstler wagt den Neuanfang — Erste Ausstellung eröffnet.

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Maler Naser Agha (54) mit Bildern, die in seiner ersten Ausstellung zu sehen sind.

Bremen. Während in der Nachbarschaft geschossen und gebombt wurde, stand er in der syrischen Stadt Aleppo vor seiner Leinwand und malte: Trotz des Bürgerkriegs wollte der syrische Künstler Naser Agha die Kultur in seinem Land hochhalten. Jetzt wagt er in Bremen einen Neuanfang.

Es ist ein Versuch, einen Moment der Furcht festzuhalten.“ Naser Agha (54) aus dem syrischen Aleppo über Fluchterfahrungen.

Die Nussschalen treiben die Boote auf den sich hoch auftürmenden Wellen. Sie scheinen jederzeit kentern zu können. Die Szenerie ist in dem Bild nur angedeutet, überlagert von einem Farbsturm in Blau und Gelb, der das Gefühl von Ausgeliefertsein und Hilflosigkeit noch verstärkt. Das Bild zeigt die griechische Küste. Gemalt hat es der syrische Künstler Naser Agha, der seit wenigen Monaten in Bremen lebt. Jetzt eröffnet er seine erste Ausstellung in Deutschland. Damit erhält er wieder etwas Normalität zurück nach Jahren von Bürgerkrieg, Angst und Zerstörung.

25 Bilder präsentiert Agha im Künstlerhaus ART15. Einige davon konnte er aus Syrien retten, andere entstanden nach seiner Flucht in der Türkei und später in Bremen. Ein Bild zeigt zwei Boote gestrandet an einer Küste, im Hintergrund brauen sich bedrohlich wirkende Farbwolken zusammen. Das Bild stellt wie das andere die griechische Küste dar. Ob er in ihm Szenen seiner Flucht verarbeitet, will der Künstler nicht direkt beantworten. „Es ist ein Versuch, einen Moment der Furcht festzuhalten“, sagt der 54-Jährige nur.

Auch in seinen Bildern deutet er vieles nur an. Oft zeigen sie architektonische Elemente, orientalische Ornamente aus seiner syrischen Heimatstadt Aleppo. Seit vergangenem Oktober lebt Agha in einem kleinen Zimmer in einem Bremer Flüchtlingswohnheim und wartet auf seinen Aufenthaltstitel. „Bremen hat mich wieder malen lassen“, sagt er. Über eine Kunstaktion für Flüchtlinge lernte Agha die Künstler von ART15 kennen. Sie räumten einen Platz für ihn in ihrem Atelier frei, schenkten ihm Leinwand und Farben. „Die Freiheit, mich wieder vollkommen meiner Malerei hingeben zu können, verdanke ich meinen Freunden“, sagt Agha auf Syrisch. Eine Dolmetscherin übersetzt seine Worte. Begeistert erzählt er von seiner Arbeit, dem Austausch mit anderen Künstlern und dass er sich überall dort auf der Welt aufgehoben fühle, wo er seine Kunst verwirklichen könne.

Wenn er zu Hause in Aleppo malte, kam es vor, dass in der Nachbarschaft Bomben einschlugen, berichtet Agha. „Es war eine harte Zeit.“ Er habe bei Kerzenschein gemalt — oft in der Gewissheit, dass in seiner Nähe Menschen starben. „Ich habe immer versucht weiterzuarbeiten — um zu zeigen, dass Syrien auch noch ein anderes Gesicht hat.“ Doch irgendwann wurde es zu gefährlich. Agha und seine Familie flüchteten in die Türkei.

Etwa die Hälfte der syrischen Künstler habe inzwischen das Land verlassen, schätzt Humam Alsalim. Die Architektin aus Damaskus betreibt eine Facebook-Seite, die die Arbeiten von etwa 500 syrischen Künstler präsentiert, darunter auch die von Agha. Der Kunstmarkt sei quasi zum Erliegen gekommen, Farben und Materialien seien wie alles extrem teuer, schreibt sie in einer E-Mail. „Hier und dort gibt es noch ein paar Ausstellungen, um zu beweisen, dass die Kunstszene noch lebt.“ Die Botschaft, dass Syrien auch ein Land der Kultur ist, will Agha jetzt von Deutschland aus verbreiten.

In seiner Heimat konnte er von seiner Kunst leben, hatte Ausstellungen in vielen arabischen Ländern und Europa. „Natürlich habe ich Heimweh“, sagt Agha. Auch seine Familie fehlt ihm. Wegen der gefährlichen Fluchtroute musste er sie in Istanbul zurücklassen. In Deutschland muss er nun erstmal allein neu anfangen. Die Ausstellung ist für ihn ein wichtiger Schritt. „Ich fühle mich nicht als Flüchtling, sondern ich habe das Gefühl, einen kulturellen Beitrag in Deutschland zu leisten.“

Künstlerhaus ART15, Bremen. Die Ausstellung ist bis 21. Februar zu sehen.

Das Exil-Orchester

Das syrische Exil-Orchester „Syrian Expat Philharmonic Orchestra (SEPO) besteht zu großen Teilen aus vor dem Krieg in Syrien geflohenen Musikern — unter anderem dem Direktor der Musikhochschule in Damaskus. Andere verließen ihre Heimat Ägypten und Palästina freiwillig, um in Berlin oder München Musik zu studieren. Was sie eint: Sie wollen zeigen, dass sie als Araber gute Musiker sind. Im September 2015 gab das Orchester sein Konzertdebüt. In der vergangenen Woche gastierte es in Rostock.

Irena Güttel

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