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Kultur im Norden „Er war widerständig“
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22:12 18.12.2017
René Böll vor dem Plakat zu einer Ausstellung über das politische Engagement seines Vaters Heinrich Böll. Quelle: Foto: Koeppenhaus, Dpa

Herr Böll, der 100. Geburtstag Ihres Vaters rückt näher. Wie nah steht er uns heute mit seinem Werk?

René Böll: Er steht uns heute sehr nah, näher vielleicht als noch vor einigen Jahren: Angesichts des wieder erstandenen Rechtsextremismus ist sein Werk doch ganz entscheidend, auch für die Freiheit der Kunst, die für ihn ein Lebensthema war.

Welche Bücher aus seinem Werk würden Sie heute besonders empfehlen?

Es ist jetzt schwierig, einzelne Titel herauszugreifen. Aber „Ansichten eines Clowns“ halte ich immer noch für ein sehr wichtiges Buch gerade, wenn es um das große Thema der persönlichen Freiheiten geht. „Billard um halbzehn“ halte ich für eines der gelungensten Werke, auch literarisch. Aber auch gerade die letzten Bücher „Fürsorgliche Belagerung“ und „Frauen vor Flußlandschaft“ sind eigentlich viel zu wenig beachtet worden.

Hat Ihr Vater als ein Verletzter geschrieben, verletzt durch den Krieg? Hat er sich mitschuldig gefühlt?

Mitschuldig nicht. Er war nicht im Widerstand. Er war widerständig in dem Sinn, dass er keine Leistung bringen wollte. So hat er auch die Offizierslaufbahn abgelehnt, obwohl er aufgrund seines Abiturs hätte Offizier werden können. Er wollte keine Privilegien haben. Er hat von Anfang bis Ende darunter gelitten. Das Leiden, dieser Stumpfsinn in Uniform, das Gehorchen müssen, diese Unterwürdigkeit – das hat er in seinen Briefen an die Familie, an meine Mutter beschrieben.

Wie ist es bei Ihrem Vater zu seiner äußerst kritischen Position gegenüber dem aktuellen Katholizismus gekommen?

Er hatte schon gesehen, dass sich die Kirche den Herrschenden sehr angedient hat. Das hat sie zwar immer schon getan, aber das war eigentlich nicht ihre Aufgabe. Das hat sich heute ein bisschen geändert.

Hat er sich mit der Katholischen Kirche jemals ausgesöhnt?

Was heißt ausgesöhnt? Es gab so merkwürdige Äußerungen – er habe Zeichen der Umkehr gezeigt. Das ist einfach eine Lüge. Er war – wir haben nie darüber gesprochen – gläubig bis zuletzt. Er ist aus der Körperschaft Kirche ausgetreten. Das hieß aber nicht, dass er nicht mehr dem Glauben angehört hat.

Es hat wohl kaum ein prominenter Autor unter dem Klima, das der Terror der RAF in den siebziger Jahren verursacht hat – und unter dem Meinungsterror der Boulevardpresse – so gelitten wie Ihr Vater. In wieweit hat ihn das mitgenommen?

Es hat ihn deswegen so mitgenommen, weil die ganze Familie davon betroffen war, nicht nur mein Vater. Wir hatten insgesamt fünf Hausdurchsuchungen in der Familie. Die schlimmste war bei mir und meiner Frau und unserem damals einjährigen Kind, als der gesamte Häuserblock umstellt wurde und die Polizei gezielt in unsere Wohnung eingebrochen ist. Das war als Hans-Martin Schleyer entführt worden war. Das war 1977, das war eigentlich auch der Höhepunkt des Terrors. Und mein Vater hat damals unter den ungeheuren Diffamierungen gegen ihn sehr gelitten.

Wie hat sich diese Situation auf sein Schreiben ausgewirkt?

Er hat 1974 den Roman „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ geschrieben, was natürlich auch mit persönlichen Erfahrungen zu tun hatte. Eine Hausdurchsuchung fand bei meinem Bruder statt. Die stand morgens in der Zeitung, aber sie hatte noch gar nicht stattgefunden. Die kam dann erst am Nachmittag. Mein Vater hatte davon erfahren, weil ein Freund aus Berlin ihn angerufen hatte und ihm sagte: Es steht in der Zeitung, dass bei deinem Sohn eine Hausdurchsuchung war. Da hatte sich der Reporter wohl um einen Tag vertan. Aber die Schilderung war sehr detailliert. Das alles war schon sehr merkwürdig.

Als Ihr Vater den Nobelpreis bekam wurde ihm der Begriff „Gewissen der Nation“ angeklebt. Wie ist er damit umgegangen?

Das fand er absurd, das hat er auch immer abgelehnt, all diese Titulierungen fand er ganz schrecklich.

Interview: Wolf Scheller

100 Minuten Böll in Lübeck

Zum 100. Geburtstag von Heinrich Böll hat die Heinrich-Böll- Stiftung Schleswig-Holstein etwas Besonderes ausgedacht: In der Lübecker Innenstadt werden am Donnerstag in der Zeit von zehn bis 21 Uhr zehn mal zehn Minuten aus Texten von oder über Heinrich Böll gelesen. Privatpersonen und Lübecker Persönlichkeiten lesen unter anderem in der Buchhandlung Prosa in der Julius-Leber-Straße, im Blumen-Hut-Café und in der Schokoladerie Abessa in der Fleischhauerstraße, im Bio-Supermarkt Landwege am Kanal, im Theater Combinale in der Hüxstraße sowie in der Neuen Rösterei in der Wahmstraße.

Genaue Zeiten will Gudrun Neuper, die Lübeck-Verantwortliche der Stiftung, nicht angeben. „Die Menschen, die sich während der Lesungen zufällig oder bewusst an diesen Orten aufhalten, sind das Publikum.“ Wer allerdings gezielt eine Lesung besuchen möchte, kann sich bei ihr unter Telefon 01751949326 erkundigen.

LN

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