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Kultur im Norden Eröffnungsfilm: Achtjährige begeistert in „Die kleine Genossin“
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10:49 02.11.2018
Weil sie kein gutes Kind war, wird ihre Mutter Helmes (Eva Koldits, r.) weggebracht – das jedenfalls glaubt Leelo (Helena Maria Reisner) in „Die kleine Genossin“. Quelle: Fotos: Amrion, Priit Grepp
Lübeck

Sechs Jahrzehnte Nordische Filmtage Lübeck – und noch nie stand am Anfang eines Programms ein Werk aus den baltischen Ländern Estland, Lettland und Litauen. Bis jetzt. Am Dienstagabend eröffnet die estnische Produktion „Die kleine Genossin“ das 60. Festival im Kolosseum.

Dazu bedurfte es eines zweiten Jubiläums: 2018 jährt sich die erste Unabhängigkeit der drei Staaten zum hundertsten Mal. Nach dem Zerfall des Russischen Reichs und im Anschluss an die Oktoberrevolution konnten sie 1918 ihre Eigenstaatlichkeit durchsetzen, zumindest vorübergehend bis 1939/40, als der Hitler-Stalin-Pakt Estland, Lettland und Litauen zu Sowjetrepubliken machte. Auf den Zweiten Weltkrieg folgten Jahre der Repression. Russen wurden entlang der Ostseeküste angesiedelt, und die einheimische Bevölkerung stand unter Generalverdacht. Zehntausende „staatsfeindliche Elemente“ wurden nach Sibirien deportiert.

Debüt von Moonika Siimets

In dieser frostigen Ära spielt „Die kleine Genossin“, das Debüt der Estin Moonika Siimets (38). Die Regisseurin war für die Deutschlandpremiere ihres Filmes nach Lübeck gekommen, dazu die Schriftstellerin Leelo Tungal, deren Kindheitsgeschichte „Die kleine Genossin” erzählt. Tungal (71) ist in ihrer Heimat eine bedeutende Literatin, sie hat Erzählungen und Gedichte für Kinder und für Erwachsene veröffentlicht, mit Liedern aus ihrer Dichterwerkstatt nahm Estland 1993 und 1994 am Eurovision Song Contest teil.

Auch Hauptdarstellerin Helena Maria Reisner ist bei der Eröffnung mit dabei. Sie stellt Leelo Tungal im Alter von sechs Jahren dar. Helena war bei den Dreharbeiten knapp acht Jahre alt, hatte bis dahin keine Erfahrung mit der Schauspielerei, doch sie verkörpert Leelo hinreißend souverän und überzeugend. Diese Leistung ist umso bemerkenswerter, als Regisseurin Moonika Siimets die Geschichte der Leelo Tungal ganz aus der Sicht des Mädchens erzählt. Es ist keine eindimensionale und schon gar keine heitere Rolle. Im Gegenteil. Leelo muss im Jahr 1950 miterleben, wie ihre estnischen Eltern, beide Lehrer, vom sowjetischen Staatsapparat gedemütigt werden – und wie die Mutter (Eva Koldits) schließlich von bewaffneten Männern abgeführt wird. Sie soll an ihrer Schule „antisowjetische Propaganda“ betrieben haben, eine estnische Fahne wird in ihrer Wohnung gefunden.

Vater sucht nach Antworten

Der verstörten Tochter kann sie noch zurufen, sie solle ein braves Mädchen sein, dann komme sie bald zurück. Doch in den kommenden Wochen, Monaten, Jahren wartet Leelo vergebens. Sie versucht zu begreifen, was das bedeutet, ein gutes Kind zu sein, wenn im familiären Umfeld Russen im Allgemeinen und Kommunisten im Besonderen verflucht werden, ihr aber in der Schule vermittelt wird, das Brudervolk sei der große Beschützer aller Esten und nur bei den jungen Pionieren könne sie sich bewähren. Sie will deshalb eine treue Genossin werden. Wenn die Erwachsenen heimlich Schmählieder auf die Invasoren anstimmen, singt sie ein Lied, in dem Stalin und Lenin als wachsame Adler über dem Volk kreisen. Nebenbei wird klar, dass der Gebrauch einer Sprache – ob Estnisch, Russisch oder Polnisch – in diesen Zeiten als politisches Statement verstanden wird. Nur als welches?

Der Vater (Tambet Tuisk) weiß keine Antwort auf die vielen Fragen der Tochter, ihm wird von den Behörden nahegelegt, er solle sich scheiden lassen. Ein Mann, der als gefestigter sowjetischer Lehrer gelten wolle, könne nicht mit einer Feindin des Volkes verheiratet sein. Letztlich hilft alle Anpassung nichts, die Mutter ist lange Zeit irgendwo in Sibirien verschwunden, und Leelo klagt: „Jetzt war ich so lange völlig umsonst ein gutes Kind!“

Mischung aus Unbekümmertheit und Trotz

Helenas Darstellung der Leelo changiert zwischen kindlicher Unbekümmertheit, Trotz und Verlorenheit angesichts der überall in der Erwachsenenwelt lauernden Willkür. Wenn sie in klobigen Stiefeln, blauem Mantel und mit forschendem Blick durch das unwirtliche Märzwetter stapft, weckt sie alle Beschützerinstinkte im Zuschauer. Wie kann ein Mädchen ihres Alters so viel Schicksal verkörpern? „Ich musste mir vorstellen, wie es wäre, wenn meine eigene Mutter für 30 Jahre weg wäre“, sagte Helena einer estnischen Zeitung.

Die reale Mutter ist bei den Auftritten von Helena immer präsent. Liisa Pakosta begleitet ihre Tochter zu den Filmpräsentationen. Sie ist die estnische Beauftragte für Gleichstellung und Gleichbehandlung, hat insgesamt fünf Kinder mit Jaanus Reisner, Vorsitzender des Rates der Gemeinde Kadrina. Zum Filmfestival im belgischen Waterloo waren beide, Mutter und Tochter, vor zehn Tagen angereist, um den ersten großen Erfolg von Helena zu feiern: Sie wurde dort als beste Nachwuchsschauspielerin ausgezeichnet. „Die kleine Genossin“ gewann den Hauptpreis des Festivals. Nun haben alle Beteiligten große Erwartungen an die Bewertung des Films in Lübeck. Mitten unter allen, die mitfiebern: die großartige kleine Hauptdarstellerin Helena Maria Reisner mit ihrer Familie.

Weitere Aufführungen: Mittwoch, 13 Uhr/ Cinestar 5, sowie Freitag 2.11. 10.15 Uhr/Cinestar 4 und Sonntag 4.11. 10 Uhr Kolosseum

Alle Berichte und Rezensionen sowie einen Live-Ticker zu den Filmtagen finden Sie
hier.

Michael Berger

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