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„Es geht um Musik und nicht um Macht“

Lübeck „Es geht um Musik und nicht um Macht“

Sie ist eine Rarität im deutschen Musikleben: Die Dirigentin Romely Pfund hat bereits viele Orchester geleitet, jetzt ist sie Dozentin in Lübeck.

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Romely Pfund dirigiert die Neubrandenburger Philharmonie in der Konzertkirche.

Quelle: Bernd Lasdin

Lübeck. Auf Ihrer Homepage begrüßen Sie Besucher mit dem Satz „Es geht um Musik und nicht um Macht“. Wie ist das zu verstehen?

Romely Pfund: Genau so, wie es da steht. Im Mittelpunkt steht die Musik, die ich einstudiere und dirigiere. Alles andere ist zweitrangig. Das Dirigieren ist oft mit Fragen der Macht verbunden.

Ein Dirigent hat Macht, muss sie haben. Aber es geht mir letztlich um die Sache.

Ist gemeint, dass Sie es sind, die am Pult steht und den Orchester-Musikern sagt, was sie zu tun haben?

Pfund: Die Rollen sind schon klar verteilt. Ich muss den Ablauf einer Probe bestimmen und dem Orchester sagen, wo es langgeht. Dafür muss ich aber nicht unnötig Kritik üben oder einen Ton gebrauchen, der jemanden beschämen könnte. Mir sind ein kollegiales Verhältnis und eine entspannte Arbeitsatmosphäre wichtig.

Können Sie sich so durchsetzen?

Pfund: Unbedingt. Die Musiker wollen ja auch das beste Ergebnis erreichen. Fehler müssen sofort verbessert werden, ansonsten kann man auf ganz verschiedene Weise erfolgreich sein.

Warum und wie sind Sie überhaupt Dirigentin geworden?

Pfund: Schon in jungen Jahren habe ich in Chören gesungen, später auch mehrere Chöre geleitet, was mir viel Freude bereitet hat. Der Beruf der Dirigentin hat mich interessiert, obwohl ich anfangs nicht sehr viel darüber wusste. Und so habe ich mich an der Musikhochschule Dresden bei Professor Rudolf Neuhaus, einer Kapazität, vorgestellt.

War Ihnen zu Beginn Ihres Studiums klar, dass Sie sich in eine Männerdomäne begeben?

Pfund: Selbstverständlich.

Waren feministische Ambitionen im Spiel?

Pfund: Überhaupt nicht.

Wie war damals die Situation an der Musikhochschule Dresden, als Sie dort studiert haben? Waren Sie allein unter Männern?

Pfund: Ich schätze, dass der Frauenanteil größer gewesen ist als im Westen. Die Situation war entspannt. Dazu hat auch beigetragen, dass es in der DDR viele Orchester gab und man als junger Dirigent einen Job bekam. Zumindest der Einstieg war nicht schwer. Als die Grenze offen war, war ich überrascht darüber, dass Dirigentinnen im Westen keine Selbstverständlichkeit waren.

Haben Sie jemals Vorbehalte zu spüren bekommen — entweder vom Publikum oder von den Musikern?

Pfund: Aus dem Publikum nie. Davon würde man ja auch kaum etwas mitbekommen. Dass Orchester auf eine Frau anders reagieren als auf einen Mann, glaube ich nicht, auch wenn ich dies nicht hundertprozentig beurteilen kann. Meine Erfahrung ist: Wenn ich sehr gut vorbereitet in eine Probe gehe, habe ich das Orchester auf meiner Seite.

Der typische Dirigent ist ein älterer weißhaariger Herr im Frack. An welchen Vorbildern kann sich eine Dirigentin orientieren?

Pfund: Lange Zeit war ich die einzige Generalmusikdirektorin in Deutschland. Aber nun tauchen mehrere Dirigentinnen auf, an denen man sich ein Vorbild nehmen kann. Karen Kamensek ist noch bis Ende dieser Spielzeit Generalmusikdirektorin an der Staatsoper Hannover. Auch das Theater Erfurt hat mit Joana Mallwitz eine Generalmusikdirektorin. Dabei bedarf es nicht unbedingt weiblicher Vorbilder. Ich kann mir auch von einem Dirigenten etwas abschauen. Die Anforderungen in diesem Beruf sind so riesengroß, dass man jede Chance nutzen sollte, um dazuzulernen.

Was hat sich durch Simone Young verändert, die lange an der Hamburger Staatsoper gewirkt hat?

Pfund: Simone Young ist für mich durchaus ein Vorbild. Denn erstens hat sie in Hamburg sehr viel geleistet, beispielsweise drei unbekannte Verdi-Opern und alle Wagner-Werke aufgeführt. Außerdem hat sie Frauen unterstützt, indem sie Dirigentinnen eingeladen hat, Konzerte zu leiten. Das ist sehr wichtig, um Erfahrungen sammeln zu können, die man in diesem Beruf unbedingt braucht.

Seit 2013 sind Sie Dozentin an der Musikhochschule Lübeck. Unterrichten Sie auch Dirigieren?

Pfund: Als Vertretung. Dirigieren kann man hier nicht als Hauptfach studieren, sondern im Nebenfach. Vor allem arbeite ich mit Sängern an Ensembles, dazu Korrepetition und Partienstudium. Ich unterrichte übrigens ausgesprochen gern . . .

An anderen Musikhochschulen gibt es im Hauptfach Dirigieren inzwischen ein Drittel Frauen. Gehört die Vormacht der Männer bald der Vergangenheit an?

Pfund: Das wird sich zeigen. Die positive Entwicklung an den Hochschulen ist nicht zu übersehen. Aber damit ist es nicht getan. Weitere Hürden müssen genommen werden. Ist der Einstieg in den Beruf geschafft, ist es anschließend wichtig dranzubleiben. Für Frauen kann es schwer werden, wenn sie eine Familie gründen und sich deshalb für einige Zeit aus dem Berufsleben zurückziehen. Der Wiedereinstieg kann problematisch sein, wenn sie noch am Anfang ihrer Karriere stehen, noch keinen Namen haben und deshalb niemand nach Ihnen fragt.

Wie haben Sie es geschafft dranzubleiben?

Pfund: Als ich meine beiden Kinder bekommen habe, war ich schon Generalmusikdirektorin. Das war ein Glück.

Dirigieren Sie noch öfter?

Pfund: 35 Jahre lang hatte ich als Dirigentin feste Engagements. Das hatte zur Folge, dass mein Mann und ich viele Jahre lang in weit voneinander entfernten Städten gearbeitet haben. Jetzt in Lübeck konzentriere ich mich auf meine Arbeit als Musikhochschul-Dozentin. Ich gebe aber auch noch Konzerte als freischaffende Dirigentin.

Die Frau mit dem Stab
Romely Pfund hat Klavier und Dirigieren in ihrer Heimatstadt Dresden studiert. Sie lernte auch bei namhaften Orchesterleitern wie Kurt Masur, Leonard Bernstein oder Seiji Ozawa. Von 1987 bis 1996 war sie Generalmusikdirektorin (GMD) der Neubrandenburger Philharmonie, von 1998 bis 2009 GMD der Bergischen Symphoniker. Von 2009 bis 2013 war sie Operndirektorin und Musikalische Oberleiterin am Landestheater Neustrelitz.
Als Dirigentin stand sie auch am Podium des Gewandhausorchesters Leipzig und der Dresdner Philharmoniker. Sie ist mit Christian Schwandt verheiratet, dem Geschäftsführenden Theaterdirektor Lübecks. Seit 2013 lehrt sie an der Musikhochschule Lübeck.

Interview: Liliane Jolitz

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