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„Es gibt für mich kein Leben ohne Tango“

Lübeck „Es gibt für mich kein Leben ohne Tango“

Der Bandoneonist Raúl Jaurena erzählt aus seinem Leben als Tango-Musiker. Am Montag spielt er in der Lübecker Kirche St. Jakobi.

Lübeck. Das Bandoneon ist das Tango-Instrument schlechthin. Und Raúl Jaurena ist einer der ganz großen Meister des Bandoneons. Der aus der uruguayischen Hauptstadt Montevideo stammende Musiker hat gerade seinen 75. Geburtstag gefeiert, anschließend ging er mit dem Lübecker Professor Bernd Ruf und der Sängerin Marga Mitchell auf Tournee. Am Montag tritt das Trio in der Jakobikirche auf.

Raúl Jaurena sieht man seine 75 Jahre nicht an. Er wirkt topfit und sehr viel jünger. Vor allem dann, wenn er über seine Musik spricht. Und die ist der Tango: „Ich habe mein ganzes Leben lang Musik gemacht“, sagt Jaurena, „und ein Leben ohne Musik, ohne Tango kann ich mir nicht vorstellen. Will ich auch nicht.“ Begonnen hat Raúl Jaurena mit der Musik bereits mit fünf Jahren. Damals schon wollte er unbedingt Bandoneon spielen, seine Mutter war auch dafür. Dagegen war zuerst sein Vater, der selber in einem Tango-Orchester Bandoneon spielte. „Eines Tages gab er mir sein Instrument, und ich sollte ganz einfach Töne darauf produzieren. Das hat mir eine unglaubliche Freude gemacht, und meinem Vater offensichtlich auch. Er war dann auch mein erster Lehrer.“

Man muss sehr früh mit diesem Instrument beginnen, meint Jaurena, spätestens mit acht oder neun Jahren. „Das Bandoneon, vor allem das chromatische, ist sehr schwierig zu spielen. Man braucht viele Jahre, bis man es beherrscht und professionell spielen kann.“ Jaurena hat früh begonnen, und mit 13 Jahren spielte er bereits in einem Tango-Orchester – das war der Beginn einer Weltkarriere.

Sein Heimatland Uruguay hat Raúl Jaurena früh verlassen, gelebt hat er in Mexiko, viele Jahre in Venezuela und seit nunmehr 13 Jahren in der Nähe von New York. Dort ist er musikalischer Leiter des Thalia Spanish Theatre, das von spanischen Zarzuelas (einer Form der Operette) bis hin zu Tango-Abenden ein vielfältiges Programm bietet. „New York hat alles, was man sich wünschen kann, nur keine bezahlbaren Wohnungen oder Häuser in Manhattan. Queens und Brooklyn war nicht unser Fall, deshalb sind wir nach New Jersey gezogen. Mit dem Zug sind wir in 20 Minuten in Manhattan, das ist ideal.“

Jaurena ist viel unterwegs in Sachen Tango. In Deutschland fühlt er sich ausgesprochen wohl. Mit Bernd Rufs Ensemble Tango Five hat er zusammengespielt und CDs aufgenommen, jetzt ist er mit Ruf unterwegs. „Ich habe viele gute Freunde hier gefunden“, sagt Jaurena, „Das Publikum ist aufgeschlossen und sehr interessiert. Das ist nicht überall so.“ Jaurena ist ein typischer Vertreter des von Astor Piazzolla begründeten Tango Nuevo, der es bei seinem Entstehen Mitte der 1950er Jahre ausgesprochen schwer hatte beim Publikum. „Damals war traditioneller Tango angesagt“, erinnert sich Jaurena. „Wenn man Tango Nuevo spielte, bekam man sofort Ärger mit den Veranstaltern. Das hat sich zum Glück geändert.“ Raúl Jaurena war mit Astor Piazzolla befreundet, sie sind gemeinsam aufgetreten. „Piazzolla spielte Improvisationen auf dem Bandoneon, wie man sie eigentlich auf dem Saxofon spielt. Er war eben in New York aufgewachsen und hatte viele Jazz-Größen seiner Zeit gehört.

Das hat ihn mit geprägt.“ Jaurena sagt, dass ihm niemals ein Mensch begegnet ist, der sich so sehr mit seiner eigenen Musik identifizierte wie Astor Piazzolla. „Dafür gibt es ein besonders gutes Beispiel. Als Piazzolla die Tango-Oper ,Maria di Buenos Aires“ beendet hatte, suchte er einen Produzenten, fand aber keinen. Also hat er die Oper selbst produziert, obwohl er nicht genügend Geld hatte. Dann hat er heimlich das Auto seiner Frau verkauft – daraufhin hat sie ihn verlassen.“

Tango Nuevo hat Schnittstellen mit Jazz, aber auch mit Klezmer. „Mit Giora Feidman bin ich auf Tournee gegangen und habe Klezmer gespielt, ich bin auch mit Jazz-Musikern aufgetreten. Aber der Tango bleibt mir am wichtigsten.“ Gemeinsam mit Bernd Ruf an der Klarinette hat Jaurena einige CDs eingespielt und mehrere Tourneen unternommen. Ihr Programm, mit dem sie in der Jakobikirche auftreten, bietet einen Überblick über 100 Jahre Tango, von den Anfängen in den Bordellen und Hafenkneipen von Buenos Aires bis hin zur Tango-Kunstmusik, die längst ihren Weg in die Konzertsäle der ganzen Welt gefunden hat.

Das Konzert beginnt am Montag um 20 Uhr in St. Jakobi. Bereits am morgigen Sonntag sind die Musiker um 19 Uhr in der Petrikirche in Demern (Nordwestmecklenburg) zu erleben.

Jürgen Feldhoff

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