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„Es gibt zu viele Bücher“

Lübeck „Es gibt zu viele Bücher“

Wie lesen wir künftig? Was soll man lesen? Interview zum Welttag des Buches.

Im Jahr 2015 sind 89506 Neu- und Erstauflagen auf den deutschen Buchmarkt gekommen. E-Books machten dabei 4,5 Prozent des Umsatzes aus.

Quelle: Fotos: Fotolia, Privat

Lübeck. Herr Moritz, was wird aus dem gedruckten Buch?

 

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Rainer Moritz leitet seit 2005 das Literaturhaus Hamburg. Der Autor und promovierte Literaturwissenschaftler war zuvor Programm-Geschäftsführer des Verlags Hoffmann & Campe in Hamburg. 1995 erklärte die Unesco den 23. April zum „Welttag des Buches“.

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Rainer Moritz: Ich bin das schon vor 20 Jahren gefragt worden und habe keine große Sorge. Natürlich findet auch auf dem deutschen Markt eine Verlagerung hin zum E-Book statt. Das kann jeder Buchhändler bestätigen und ist gerade für kleinere Läden ein Problem, weil E-Books meist aus dem Internet runtergeladen werden. Aber die Verlage gehen im Gegenzug dazu über, das gedruckte Buch wieder aufwendiger auszustatten. Das schöne Buch nimmt zu, man will dem Leser des gedruckten Buches mehr bieten. Unterm Strich aber wächst natürlich der Anteil der E-Books, was Abstriche beim Umsatz gedruckter Bücher bedeutet. Das halte ich für unumkehrbar.

Umberto Eco hat gesagt, Erfindungen wie der Hammer, das Rad oder auch das Buch sind nicht zu verbessern. Hat er Recht?

Moritz: Allerdings. Man darf nur nicht verallgemeinern. Wer Bücher liebt und häufig mit ihnen zu tun hat, kann sich in der Regel nur schwer vorstellen, keine Bücher mehr in klassischer Form zu lesen. Zehn-, Zwölfjährige dagegen gehen ganz selbstverständlich auch mit dem E-Book um. Aber es hängt auch stark davon ab, was man mit einem Buch macht: Hat es Bilder? Will man drin blättern? Will man es rezensieren? Es gibt jeweils ganz unterschiedliche Gründe für das gedruckte Buch oder das E-Book.

Kommen heute zu viele Bücher auf den Markt?

Moritz: Immer schon! Ich habe 1989 begonnen, im Verlag zu arbeiten, als Lektor in Tübingen. Damals ging man von 80000 Neuerscheinungen pro Jahr in Deutschland aus. Inzwischen sagt man 90000, und das ist natürlich viel zu viel. Aber die Verlage produzieren immer noch viele Bücher in der Hoffnung, dass unter zehn Titeln, die man macht, ein oder zwei durchschlagenden Erfolg haben. Das kann man ihnen schwer austreiben. Aber es lässt sich eben auch schwer vorhersagen, welche Bücher Erfolg haben und welche nicht.

Es gibt heute nicht mehr den verbindlichen Roman, den früher gelesen haben musste, wer mitreden wollte. Woran liegt das?

Moritz: Ich denke, auch die Medien haben sich zerstreut. Wenn früher in der „Zeit“ und im „Spiegel“ große Rezensionen erschienen, konnte man in den Verlagen die Sektflaschen öffnen. Das ist heute nicht mehr so. Es klappt nur noch, wenn es sehr geballt kommt und etwa der neue Jonathan Franzen binnen zwei Wochen von allen großen Feuilletons besprochen wird. Es ist alles breiter und der Einfluss der Literaturkritik geringer worden. Es gibt zwar immer wieder Ausnahmen wie zuletzt die Bücher Elena Ferrantes oder „Ein wenig Leben“ von Hanya Yanagihara, aber der Kanon ist heute unverbindlicher.

Dennoch: Welches Buch sollte man in diesem Jahr gelesen haben?

Moritz: Das von Hanya Yanagihara. Ich bin zwar nicht ganz überzeugt von dem Buch, 200 Seiten weniger hätten auch nicht geschadet, aber es ist so ungewöhnlich. Wie dort das Thema Freundschaft behandelt wird, das ist schon ein großer Wurf.

Welches Buch lesen Sie derzeit?

Moritz: Ich muss viel rezensieren, daher ist Lektüre bei mir zum Teil immer auch Pflichtlektüre. Zuletzt gelesen habe ich aber Olga Grjasnowas Roman „Gott ist nicht schüchtern“.

Welches Buch haben Sie all die Jahre vor sich her geschoben?

Moritz: „Joseph und seine Brüder“ von Thomas Mann. Ich habe viel von ihm gelesen und auch mit dem „Joseph“ schon angefangen, wurde aber abgelenkt. Und jetzt liegt er da und schaut mich mahnend an. Ich habe aber noch nicht aufgegeben. Interview: Peter Intelmann

LN

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