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„Es knackt, dass es brennt, dass es zuckt!“

Hamburg „Es knackt, dass es brennt, dass es zuckt!“

Herbert Grönemeyer feiert eine denkwürdige Nuschelrockparty mit 12000 Fans in „Hambuuurch“.

Hamburg. „Ganz große Klasse, Wahnsinn! Was ein schöner Abend, völlig überrennend! Mann, ist das schön, unglaublich, ihr zeigt Haltung!“ Herbert Grönemeyer ist voll euphorischer Dankbarkeit an diesem Abend. Es ist der zweite Aufguss seiner „Dauernd Jetzt“- Tour, doch noch einmal haben sich 12000 Menschen in der Hamburger Barclay Card Arena eingefunden. Was sie erleben, ist ein denkwürdiger Konzertabend voller Spielfreude, Selbstironie und Publikumsnähe, wie ihn selbst langjährige Herbie-Anhänger nicht oft erlebt haben dürften. Knapp drei Stunden Nuschelrock mit 23 Hits und etlichen Albumfavoriten hat der im April 60 Jahre jung gewordene Entertainer mitgebracht.

 

LN-Bild

Mit Doppelkinn und ungelenkem Hüftschwuung: Herbert Grönemeyer in der Hamburger Barclaycard Arena.

Quelle: Schiffler/Jazzarchiv

„Mann,

ist das schön, unglaublich!“ Herbert Grönemeyer

Beim Opener „Unter Tage“ sieht man den gedrungenen Mann im schwarzen Sakko nur bei genauem Hinsehen. Der Saal ist noch in Dunkelheit getaucht. Die Musiker sorgen mit Bergarbeiterlampen an der Stirn für ein wenig Licht. „Wir haben das zweite Konzert des ersten Tourteils hier gespielt. Jetzt sind wir beim vorletzten Konzert des zweiten Teils wieder hier“, erläutert der nun für alle sichtbare Grönemeyer und kündigt an, dass es im Verlauf des Abends „knackt, dass es brennt, dass es zuckt!“

Die ungelenken Hüftbewegungen auf der Laufstegbühne zum hypnotischen „Fang mich an“ geben den Modus des Abends vor. „Mein Tanzstil hat ja schon für wilde Hysterie gesorgt“, warnt Grönemeyer, dreht Pirouetten und ergeht sich in einer Art Ententanz. Er nimmt sich selbst nicht allzu ernst, macht sich über sein Aussehen und körperliche Unzulänglichkeiten ebenso lustig wie über seine kryptischen Texte. „Was ich damit mal gemeint habe, weiß ich selbst nicht mehr“, kommentiert er das Intro von „Demo (Letzter Tag)“: „Weiß man, wie oft ein Herz brechen kann? Wie viel Sinne hat der Wahn? Lohnen sich Gefühle?“

Bei der ausgelassenen Reggaeversion von „Was soll das“, in dem es um die körperlichen Merkmale eines Nebenbuhlers geht, streut er zum Stichwort „Doppelkinn“ ein: „Ich hab gar keins!“ – wohl wissend, dass dem nicht so ist. Ohnehin dulde er nur Menschen in seiner Band, „die nicht so gut aussehen wie ich“. Dem Publikum gefällt diese Art des selbstironischen Understatements, die der Mann mit den zehn Nummer-1-Alben in Folge freilich seit Jahren kultiviert.

Da bleibt selbst das 2,8 Millionen Mal verkaufte Album „Bochum“ nicht ungeschoren. Journalisten hätten ihm angesichts seines Nuschelns geraten, lieber bei der Schauspielerei zu bleiben, ohnehin würde ein Album mit besagtem Namen bereits in Bottrop nicht mehr gekauft werden. „Männer“, „Alkohol“ und „Mambo“ dürfen trotzdem nicht fehlen.

Statt Pathos und Melancholie gibt es Skateinlagen und Falsettgesang. „Mensch“, Grönemeyers erster Nummer-1-Hit, klingt mit einer furiosen Einlage aus, in der ein enthemmter Herbie minutenlang „Hambuurch“ in allen erdenklichen Tonlagen ins Publikum bellt.

Beseelte Heiterkeit macht sich im Publikum breit, angesichts derer die obligaten gesellschaftskritischen Appelle fast ein wenig heruntergeleiert wirken. Applaus gibt es dennoch, als der Sänger zu „Unser Land“ gegen fremdenfeindliche Parolen wettert und angesichts der Flüchtlingstragödie mahnt: „Wir können es uns in unserer Saturiertheit nicht vorstellen, was es heißt, sich in so ein Boot zu setzen und in ein neues Leben aufzumachen.“

Gefühlt ein Dutzend Zugaben folgen, dann schickt Grönemeyer seine Gemeinde ganz unkonventionell nach Hause – mit einer formidabel genölten Version von „Der Mond ist aufgegangen“.

Herbert und Felix in allen Wohnzimmern

Herbert Grönemeyers Tour mit dem Titel „Dauernd Jetzt“ geht morgen im Stadion von Erfurt zu Ende. Doch zur Fußball-Europameisterschaft kommt er wieder in alle Wohnzimmer mit seinem Schlachtgesang „Jeder für Jeden“. Die ARD hat „Unser Lied für Frankreich“ in Auftrag gegeben, Grönemeyer hat es gemeinsam mit Felix Jaehn (21) produziert. ARD-Sportkoordinator Axel Balkausky tönt jetzt ganz sportlich: „Felix und Herbert in einer Mannschaft. Das ist, um es von der Musik auf den Fußball zu übertragen, als ob Mesut und Günter in einer Mannschaft spielen würden. Mehr geht nicht.“

Alexander Bösch

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