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Kultur im Norden Umjubelte Premiere von Verdi-Oper „La Traviata“
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13:50 21.07.2018
Eutiner Festspiele 2018, La Traviata von Verdi:  Liebespaar Alfredo Germon (Carlos Moreno Pelizari) und Violetta Valéri (Hale Soner). Quelle: Susanne Peyronnet
Eutin

Ein Landsitz nahe Paris. Große Blumenaquarelle schmücken den Garten einer Villa, in die sich die Edelkurtisane Violetta mit ihrem Geliebten Alfredo zurückgezogen hat, als plötzlich dessen Vater mit dominanter Attitüde auftaucht und sie vehement auffordert, seinen Sohn zu verlassen. Dann – etwas weicher im Ton – bittet er für seine Tochter, deren Verlobung zu platzen droht, weil ihr Bruder Alfredo sich in schlechtem Milieu bewegt. Die patriarchalische Kraft des Vaters zwingt Violetta zum Verzicht. Das Drama nimmt seinen Lauf und treibt sowohl Violetta als auch Alfredo in den emotionalen Ruin. Der Vater findet nach bohrenden Gewissensbissen erst sehr spät die Kraft, seinem Sohn den damals heimlichen Besuch zu gestehen, kann die Dramatik der Geschehnisse aber nicht mehr stoppen.

Die Premiere von „La Traviata“ bei den Eutiner Festspielen wurde zu einem überragenden Erfolg. Getragen wurde die sehr gut besuchte Vorstellung von Sängerin Hale Soner. Sie füllte die Rolle der todkranken, leidenschaftlichen und anmutigen Violetta schauspielerisch wie sängerisch auf einem Niveau, an das keiner ihrer Kollegen auch nur ansatzweise herankam. Die türkische Sopranistin, die unter anderem bei Renata Scotto studiert hat, besaß eine Brillanz in der Stimme, einen Schmelz bis in die höchsten Lagen und eine elegante Schnelligkeit in den Koloraturen, die staunen ließen. Welch ein Glücksgriff für die Festspiele.

Die Leistung der beiden männlichen Hauptdarsteller war ausgewogen, Alfredo (Carlos Moreno Pelizari, Tenor) und Vater Giorgio Germont (Manos Kia, Bariton) agierten auf Augenhöhe. Beide hatten ausdrucksstarke und bewegliche Stimmen. Beide konnten spielen, wenn auch manchmal zu verhalten.

Klicken Sie hier, um zahlreiche weitere Bilder von der Opernpremiere bei den Eutiner Festspielen zu sehen!

Auch die anderen Solisten sangen und spielten überzeugend: Joslyn Rechter (Mezzosopran) war eine kokette Flora, Eva Schneidereit (Mezzosopran) eine berührende Annina, Joao Terleira (Tenor) ein beflissener Vicomte Gastone, Aarne Pelkonen (Bariton) ein aufbrausender Baron Douphol und Yinghao Liu (Bassbariton) ein charmanter Marchese d'Obigny. Das besonders schöne Timbre von Kemal Yasar (Bass) als umsorgender Dottore Grenvil fiel auf.

Unter der versierten Regie von Dominique Caron und der musikalichen Leitung von Leo Siberski entfaltete sich ein visuell wie musikalisch spannungsreicher Abend. Die Kammerphilharmonie Lübeck und der Chor der Eutiner Festspiele (Leitung Romely Pfund) reagierten sensibel auf Siberskis Dirigat, obgleich seine Bewegungen oft unstimmig und verspannt wirkten. Orchester, Chor und Solisten bildeten eine musikalische Einheit.

Das Bühnenbild (nach Entwürfen von Ursula Wandaress) war dezent. Im Hintergrund ragte stets die Fassade einer großzügigen Villa auf, sei es in Paris oder auf dem Lande. Auch der obere Bereich konnte genutzt werden. Hier öffneten sich Fenster und große Türen, durch die mal vorwurfsvoll, mal neugierig auf das skandalöse, kompromittierende, von Eifersucht und Ränkespielen angefeuerte Pariser Nachtleben geschaut wurde. Im Vordergrund entstanden immer neue Spielräume, indem mit ein paar feudal wirkenden Stühlen sofort Ball-Atmosphäre und Pomp gezaubert wurden oder ohne Mobiliar ein Sterbezimmer düster die Bühne beherrschte, nur mit einem schwarzen Stuhl ausgestattet . Die zeitlos eleganten Kostüme von Martina Feldmann unterstrichen die wirkungsvolle Inszenierung. Die Damen der Pariser Halbwelt trugen eine Eleganz zur Schau, die nie billig wirkte, sondern fein. Auch dadurch wurde der gesellschaftliche Kernkonflikt nochmals deutlich, denn keiner der Akteure entsprach einem Klischee.

Giuseppe Verdis berühmte Oper über die bedingungslose Liebe zwischen der Kurtisane und dem jungen Aristokraten und über die gesellschaftliche Doppelmoral seiner Zeit ist immer noch hochaktuell. Die gesellschaftlichen Brennpunkte haben sich verschoben, vorhanden sind sie, nun eher religiös oder kulturell motiviert.

Von Cornelia Schoof

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