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Existenzialismus und das Fremde in uns

Schwerin Existenzialismus und das Fremde in uns

Das Staatstheater Schwerin inszeniert Verdis große Oper „Otello“ als zeitgeschichtliches Monument.

Schwerin. Oft sind es die spartanisch gestalteten Räume, die Platz schaffen für großen Stoff. In Schwerin weist bereits das Bühnenbild als heimlicher Star der Inszenierung darauf hin, dass diese Opernaufführung weit aus der Renaissance hinausweht und die großen Fragen des Existenzialismus aufwirft. Sibylle Pfeiffer hat der Bühne Raum gegeben zum Atmen, ein monumentales Quadrat in die Mitte platziert, das an Drahtseilen beweglich mal Schiff im Sturm, mal Ehebett, mal Burg oder Schauplatz für gesellschaftliche Intrigen wird. Im zweiten Teil der Otello- Inszenierung steht das Quadrat als Wand bedrohlich im Raum – das offene Viereck in der Mitte, mal Fenster, Nachtlager und auch Sterbebett, verheißt Hoffnung, die nie erfüllt wird.

 

LN-Bild

Otello (Christian Juslin), blind vor Eifersucht und Raserei, erwürgt seine unschuldige und treue Ehefrau Desdemona (Karen Leiber).

Quelle: Foto: Silke Winkler

In Verdis Spätwerk werden zwei große Fragen der Menschheitsgeschichte aufgeworfen. Die nach dem Umgang mit dem Fremden. Und die nach dem Umgang mit dem Selbst, ob nun edel und gut (Desdemona), eitel und stolz (Otello) oder abgründig und böse (Jago). Die Schweriner Inszenierung von Katharina Thoma besticht durch kleine Regieeinfälle, die große Bilder und magische Momente schaffen. Zum Beispiel, wenn im Sturm auf See zu Beginn Otellos Schiff dem Untergang geweiht scheint und Thoma den Opernchor in Tücher gehüllt in den Bauch des Schiffes schickt und Bilder dieser Verunsicherten auf eine Leinwand projiziert werden. Da ist die Inszenierung im Heute auf dem Mittelmeer, ohne sich der Flüchtlingsproblematik plakativ anzubiedern. Auch die Thematik des Fremdseins wird nur skizziert. Die Zugehörigkeit zur zypriotischen Gesellschaft jener Zeit wird mit einem weißen Mal im Gesicht symbolisiert. Otello, in Verdis Original Mohr oder Maure, gehört zu dieser Gesellschaft, führt sie als Feldherr sogar an und beschützt sie. Doch zugleich steht er durch das schwarze Mal an der Stirn an ihrem Rande und bedroht sie am Ende gleichermaßen. Thoma führt eine neue Figur ein, die ins Existenzialistische weist – den Dokumentarfilmer (glänzend minimalistisch Khaled Dyab Agha). In seinem schwarzen Mantel streift er durch die zypriotische Gesellschaft – beäugt, beschützt, spiegelt und dokumentiert sie mit seinem Smartphone. Das ist eine große Idee des Schweigens im Umfeld der ebenso großen Musik der Mecklenburgischen Staatskapelle unter Leitung von Daniel Huppert. Die Bilder des Personals auf der Bühne sieht der Zuschauer verpixelt auf der Leinwand – so wie mediale Kriegsberichte im Fernsehen.

Jago (Publikumsliebling Yoontaek Rhim) als Inbegriff des Intriganten, Schurken, Bösen wirft in seinem Monolog im zweiten Akt die Frage nach dem Sinn des guten Menschen versus des Bösen auf und wird dabei langsam von der Holzplatte erdrückt, die über ihm schwebt, bis er sich unter ihr windet wie ein Wurm. Und klar wird: Es gibt kein Schicksal. Jeder Mensch entscheidet über sein Handeln selbst – ob edel, böse, abgrundtief –, muss eine Haltung entwickeln. Ob nun Otello (Christian Juslin) in seiner blinden Eifersucht fehlt oder nicht: Er stirbt mit Haltung. Ob nun Desdemona (Karen Leiber) von Otellos Hand zu Unrecht gemordet und niemals gefehlt, das Schicksal hätte abwenden können: Sie stirbt mit Haltung. Oder Cassio (Matthias Koziorowski) zu Unrecht degradiert, gedemütigt, beschuldigt, fast gemordet: Er geht mit Haltung. Nur der Intrigant bemitleidet sich am Ende selbst – und lebt als Wurm.

Michael Meyer

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