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Fantastische Zeitreise mit Unsterblichen und Vampiren

Lübeck Fantastische Zeitreise mit Unsterblichen und Vampiren

David Mitchells Roman „Die Knochenuhren“ überzeugt durch erzählerische Meisterschaft und sprudelnde Ideen.

Lübeck. David Mitchell ist spätestens seit seinem erfolgreich verfilmten Roman „Der Wolkenatlas“ ein literarischer Weltstar. Allerdings einer der besonderen Art:

 

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David Mitchell wurde 1969 geboren und lebt mit seiner Frau und zwei Kindern in Irland.

Quelle: dpa
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„Die Knochenuhren“ von David Mitchell,

Rowohlt-Verlag, 816 Seiten,

Hardcover 24,95 Euro, E-Book 21,99 Euro

Mitchell gilt als wichtiger Vertreter der literarischen Postmoderne. Ein schwieriger Begriff, von dem die wenigsten wissen, dass er bereits um 1870 geprägt wurde — lange bevor das begann, was wir heute als „Moderne“ ansehen. Das Nach-Moderne in den Künsten wehrt sich gegen die Diktatur des Modernismus, sie setzt Dinge in Beziehung, die zumindest auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben. Zu tun hat die Post-Moderne aber mit dem Post-Strukturalismus, der sich den Denk-Vorgaben etwa eines Jacques Lacan entzieht. Und sie wäre vielleicht besser benannt als „Relativismus“.

Denn alles ist relativ — das gilt für die Romane von David Mitchell ganz besonders. „Die Knochenuhren“ heißt sein neuestes Werk, und es fügt wieder zusammen, was eigentlich nicht zusammengehört.

Sechs verschiedene Formen des Romans zum Beispiel, von einer Beschreibung des Erwachsenwerdens bis hin zu einer postapokalyptischen Welt, der das Öl ausgegangen ist. Der Roman beginnt im Jahr 1984, die Hauptfigur Holly Sykes tritt auf. Ihrem Leben folgt der Leser bis ins furchtbare Jahr 2043, in dem die Romanhandlung abbricht. Das könnte eine Mischung aus Historie und Dystopie im konventionellen Sinne sein, immer wieder gern gelesen und alles andere als selten. Aber David Mitchell macht etwas anderes daraus. Er vermischt den konventionellen Ansatz mit einem gehörigen Schuss Fantasy, und das Ergebnis liest sich, als habe ein Computer „Buddenbrooks“ und „Harry Potter“ zu einer Einheit verschmolzen.

David Mitchell verfügt über große erzählerische Fähigkeiten. Allein, wie er extrem heterogene Handlungsstränge zu einem ganzheitlichen Neuen fügt, ist schreiberische Meisterklasse. Das verbindende Fantasy-Element sind zwei Gruppen von Unsterblichen, die sich um die Macht auf der Welt streiten. Da gibt es die Bösen, eine Art von Vampiren, die sich aus den Seelen psycho-esoterisch begabter Kinder einen „schwarzen Wein“ dekantieren, von dem sie sich ernähren. Und die Guten, die ständig wiedergeboren werden und in immer neuer Gestalt über die Jahrhunderte hinweg die Vampir-Bande bekämpft. Holly Sykes gerät immer wieder in Kontakt mit diesen Gestalten, die sich manchmal aus dem Nichts materialisieren und normale Menschen umbringen. Die allerdings nicht so „normal“ sind, wie man zunächst glaubt — das erfährt man aber erst 200 Seiten später. Fantasy und Jugendroman, Schauer und Dystopie, Reisebericht und eine Verfolgungsjagd wie bei Quentin Tarantino: „Die Knochenuhren“

vereint eine große Menge von literarischen Elementen. Kenner der Werke von David Mitchell wollen zudem über 20 Personen erkannt haben, die bereits in anderen Romanen des Autors aufgetreten sind.

Plant Mitchell einen Super-Roman, in dem sich letztlich alle seine Figuren treffen? Das wäre dann sogar ein Hyper-Roman, ein Stelldichein der Unwahrscheinlichkeiten. Aber Wahrscheinlichkeiten sind ja auch langweilig. Ganz im Gegensatz zum Relativismus eines David Mitchell. Denn alles ist relativ. Jürgen Feldhoff

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