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Farben und Landschaften

Hamburg Farben und Landschaften

In Hamburg ist eine große Ausstellung mit Werken von Max Pechstein zu sehen. Die Schau zeigt die Entwicklung des Expressionisten.

Hamburg. Der Zwickauer Max Pechstein (1881-1955) war einer der großen Maler der deutschen Moderne, eine Ikone des Expressionismus, ein führendes Mitglied der Künstlergruppe „Die Brücke“. Gründe genug, um ihm eine große Ausstellung im Hamburger Bucerius-Kunstforum zu widmen. Diese Schau mit fast 90 Werken Pechsteins aber gibt zu denken. Denn sie vermittelt überaus seltsame Eindrücke: Man fühlt sich bei Betrachtung der Pechsteinschen Werke fast immer an andere Künstler erinnert. Da sind beim frühen Pechstein Matisse und die Fauves nicht weit, etwas später orientiert er sich an Picasso, Braque und den anderen Kubisten, dann kommen auch noch Cézanne, van Gogh, Gaugin und andere Post-Impressionisten ins Spiel, ehe sich Pechstein schon fast im Stil der Neuen Sachlichkeit wiederfindet. Seltsam anzusehen ist das. Und es stellt sich die Frage, wo man den eigentlichen, den echten Max Pechstein findet.

Leicht zu beantworten ist diese Frage dennoch. Den echten Pechstein findet man in der Farbe, der Maler war ein außergewöhnlicher und erfindungsreicher, vielfältiger Kolorist. Die Komposition vieler seiner Südsee-Bilder scheint sich an Paul Gaugin zu orientieren – die Farben Pechsteins jedoch sind einzigartig, sie sind das Alleinstellungsmerkmal dieser Malerei. Es glüht in diesen Bildern, die heiße Tropenatmosphäre scheint mit Händen greifbar zu sein. Diese Farbigkeit war für Pechstein wohl die wichtigste Erinnerung an seinen Aufenthalt in der Südsee 1914, der durch den Beginn des Ersten Weltkrieges jäh beendet wurde.

Pechstein und seine Frau Lotte hatten sich – ähnlich wie Emil Nolde und seine Frau – in die deutsche Kolonie Palau begeben, um das Ursprüngliche zu finden. Unverfälschte Menschen, Riten und Landschaften wollten sie entdecken, die Einheit von Kunst und Umgebung so weit von Deutschland entfernt wie nur möglich finden. Der Aufenthalt, den ein Kunsthändler finanzierte, ließ sich auch gut an – bis die Japaner die Inseln besetzten und die Pechsteins als Kriegsgefangene in Nagasaki festsetzten. Als man sie freiließ, mussten sich Max und Lotte Pechstein über die USA zurück nach Deutschland durchschlagen. Max Pechstein meldete sich dann zum Militär, seine Malkunst rettete ihm wohl das Leben, er wurde bald von der Westfront nach Berlin abkommandiert, wo er höhere Offiziere zu porträtieren hatte. Ein Glücksfall für ihn und für die Kunstgeschichte.

Denn die Vielfalt in Pechsteins Werk ist neben der Farbigkeit seiner Gemälde ein weiteres bestimmendes Merkmal seiner Kunst. Es waren immer wieder Orte, die seine Sujets bestimmten, dementsprechend ist die Hamburger Ausstellung auch nicht chronologisch, sondern nach diesen inspirierenden Städten und Landschaften geordnet. In Paris erlebte Pechstein die Moderne seiner jungen Jahre, er war einer der ersten Künstler, die den Fauvismus und den Kubismus nach Deutschland brachten. Die Erfahrung der Südsee erweiterte seine Farb-Palette, die Landschaft um Dresden lieferte ihm Anregungen für seine „Brücke“-Bilder, die manchmal kaum von denen seiner Kollegen Erich Heckel oder Karl Schmidt-Rottluff zu unterscheiden sind. Nachdem er vom NS-Regime zum „entarteten“ Künstler erklärt worden war, wurden ihm Landschaften zum bevorzugten Sujet, Meereslandschaften zumeist. Nidden und später dann Dörfer an der hinterpommerschen Küste wurden Pechsteins liebste Aufenthaltsorte, dort entstanden Bilder, die zu seinen besten gehören. Vom expressionistischen Überschwang der frühen Jahre sieht man nur noch wenig in diesen Gemälden, die Aufgeregtheiten sind einer realistischen Wiedergabe der Dinge gewichen, die dennoch nichts an Spannung verloren hat.

Es lohnt sich, das Werk Max Pechsteins in dieser Ausstellung zu entdecken und sich somit auf eine künstlerische Reise um die halbe Welt zu begeben. Ein wichtiger deutscher Künstler des 20.

Jahrhunderts, dem erst 1995 erstmals eine Retrospektive gewidmet wurde. Eine solche ist die Hamburger Ausstellung nicht, aber ihr Ansatz ist auch ohne den Anspruch auf Vollständigkeit überzeugend.

Sehenswert ist diese Schau allemal.

Jürgen Feldhoff

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