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Kultur im Norden Farbexplosionen für Tamino und Papageno
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18:17 14.07.2016

Es war einmal ein Maler, der galt als wichtigster Vertreter der Wiener Moderne. Er hatte eine abenteuerliche Vita: meldete sich nach einer Liebestragödie als Freiwilliger im Ersten Weltkrieg, wurde schwer verwundet, genas einigermaßen, wurde Professor in Dresden, dann in die Emigration getrieben, denn für die Nazis war er „der Entartetste unter den Entarteten“; nach dem Zweiten Weltkrieg aber war er immer noch berühmt und begehrt, stellte auf der Documenta aus, sein Konterfei erschien auf einer Briefmarke, und er genoss ein langes Leben.

Es handelt sich um Oskar Kokoschka (1886-1980). Heute kommt sein Werk fast nur noch ins Bild, wenn man Aufnahmen von Angela Merkel im Bundeskanzleramt sieht. Hinter ihrem Schreibtisch hängt das Kokoschka-Porträt von Konrad Adenauer, der Maler hatte 1966 den Wettbewerb um das Auftragsporträt gewonnen.

Das Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg (MKG) hat sich jetzt auf einen Schatz besonnen, der seit 30 Jahren nicht mehr gezeigt worden ist: 40 zum Teil großformatige Zeichnungen Kokoschkas mit Entwürfen von Bühnenbildern, Kostümen und dem großen Vorhang. Er hatte die Kreidezeichnungen 1965 im Auftrag der Oper Genf für eine Inszenierung von Mozarts „Zauberflöte“ geschaffen. Wer die Oper damals in Szene gesetzt hat und wie aus den Skizzen Bühnenbauten und Gewänder und Masken wurden, ist nicht mehr bekannt. Doch Kokoschkas Blätter wurden gerettet. Ein bedeutender Tabakwarenhersteller kaufte das Konvolut 1970 für das Museum auf.

„Diese Zeichnungen mit ihrem nervösen und mitunter auch nur skizzenhaften Strichgefüge sind typisch für das Spätwerk Kokoschkas“, sagt MKG-Kurator Jürgen Döring. Aus den Farbexplosionen schälen sich Figuren und Schauplätze heraus, die Kokoschka mit ausführlichen Angaben zu Szene und Charakter versah. Die exotischen und mystischen Szenen von Mozarts Bühnenwerk schienen den Maler zu befeuern:

Vogelfänger Papageno, der bunt gefiedert erscheint, die Tiere, die sich friedlich zum flötespielenden Tamino gesellen, die Schlange, die dem Königsohn auflauert, die drei Damen, die ihn retten – all diese Zeichnungen sind Dokumente großer Malintensität. Nur bei der Königin der Nacht scheint Kokoschka die Fantasie ausgegangen zu sein, sie steht etwas blass neben leuchtenderen Charakteren.

Eine weitere Kokoschka-Preziose ist eine Etage tiefer zu sehen: ein Gobelin, der anlässlich einer Kokoschka-Ausstellung im MKG 1965 bei dem Künstler in Auftrag gegeben worden war und der Motive der „Zauberflöte“ zeigt.

Zur Belehrung des Publikums zeigt Kurator Döring auch drei „Zauberflöte“-Entwürfe vom preußischen Alleskönner Karl Friedrich Schinkel aus dem Jahr 1847. Auch diese Blätter stammen aus den Beständen des Museums. Schinkels Zeichnungen, die hier als Stiche zu sehen sind, wirken monumental und statisch, insbesondere die „Sternenhalle im Palaste der Königin der Nacht“. Ihnen geht völlig das Sinnliche ab, das Kokoschkas Versuche auszeichnet.

Der Expressionist Kokoschka war eben kein klassizistischer Baumeister wie Schinkel. Kokoschka lebte und malte drauflos, ohne die Ewigkeit im Blick zu haben. Einer seiner Sätze, die das belegen, lautet: „Das Leben ist ein Zeichnen ohne die Korrekturmöglichkeiten des Radiergummis.“

Michael Berger

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