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Kultur im Norden „Fast Schaum vorm Mund“
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20:47 30.05.2018
„Anhänger der Idee des politischen Engagements von Künstlern“: Robert Menasse im Garten des Günter-Grass-Hauses. Quelle: Foto: Olaf Malzahn
Lübeck

Ist die Arbeit bei der EU-Kommission tatsächlich so freudlos, wie Sie es in Ihrem Buch beschreiben?

Ach, ich habe schon den Eindruck, dass dort sehr viele hochqualifizierte Menschen mit großem Engagement arbeiten. Aber sie rennen immer wieder gegen enorme Widerstände an. Manche werden dann apathisch, deprimiert, wütend oder zynisch, aber das gibt es in jeder Institution. Mir ging es darum zu zeigen, woher diese Blockaden kommen. Sie sind im Wesentlichen ein Widerspruch zwischen der Kommission und ihren Aufgaben und dem Europäischen Rat und dessen Widerstand.

Aber keine Ihrer Figuren führt das Leben, das sie führen möchte.

Das sagt aber auch etwas aus über den Idealismus, den sie ja doch haben. Man darf nicht vergessen, was ein Mensch alles aufgibt, wenn er beschließt, nach Brüssel zur Europäischen Kommission zu gehen.

Man wird ja auch sehr gut bezahlt.

Das sagt man immer. Ich würde für das Gehalt eines durchschnittlichen Kommissionsbeamten diesen Job nicht machen. Aber selbst wenn ich diesen enormen Fleiß hätte, ich könnte es nicht einmal – es neiden vor allem jene den Beamten das gute Gehalt, die selbst die Qualifikation für diesen Job nicht hätten. In der Kommission beginnt man in der Regel früh um sieben oder halb acht und kommt oft nicht vor acht, neun am Abend nach Hause. Sie haben exzellente Qualifikationen von Top-Universitäten und sprechen bis zu fünf Sprachen. Und man darf auch nicht vergessen, dass die Scheidungsrate von Kommissionsbeamten wahrscheinlich die höchste aller Berufsgruppen ist. Wer bereit ist, „nach Europa“ zu gehen, lässt sehr viel zurück: Familie, sozialen Zusammenhang, Heimat im umfassenden Wortsinn.

Also ist Ihr Buch eine Verteidigungsschrift der EU-Beamten?

Nein, ich hoffe, es ist ein möglichst realistisches Abbild der Stimmung, die da herrscht. Mir war wichtig, das einzufangen. Die EU ist doch für die meisten ein großes Abstraktum, ich wollte zeigen: Das ist menschengemacht, und ich wollte den Menschen ein Gesicht geben. Unter anderem findet dort jetzt ein Generationswechsel statt. Jetzt kommen die Salamander, die ganz jungen Karrieristen. Aber selbst als solcher muss man etwas können und ein Auswahlverfahren bestehen. Es treten dafür jedes Jahr 30000 Menschen aus ganz Europa zum Concours an – und 100 bekommen einen Job.

Und wo bleiben die Idealisten?

Es gibt dort verblüffend viele. Aber wenn sie zum 20. Mal mit dem Kopf an die vom Rat aufgestellte Wand gelaufen sind, verblasst ihr Idealismus. Das muss in diesem System, wie es heute ist, unweigerlich der Fall sein. Ich habe einmal einen hohen Kommissionsbeamten fast mit Schaum vorm Mund erlebt, weil der Rat binnen einer halben Stunde einen Richtlinienvorschlag zerrissen hat, an dem sie mehr als ein Jahr gearbeitet haben. Da habe ich zum ersten Mal gespürt, was das für diese Menschen bedeutet. Das sind Dinge, die macht sich die Öffentlichkeit in der Regel nicht bewusst, und sie stehen auch kaum in der Zeitung. Man muss heute als Medienkonsument in Europa sehr viel guten Willen haben, um nicht Anti-Europäer zu werden. Ich wollte in dem Roman einfach auch zeigen, wer und wie diese Menschen sind, die in mein Leben und das meiner Kinder und Kindeskinder hineinregieren. Deshalb bin ich hingefahren.

Warum hat es vor der „Hauptstadt“ keinen Roman über die EU gegeben?

Ja, das ist seltsam. In der Regel weist doch jeder Schriftsteller den Gedanken weit zurück, Nationalliteratur zu schreiben. Seit Goethe ist der Anspruch Weltliteratur. Alle großen Künstler und Literaten haben sich immer gegen die Dummheit und Ressentiments der Nationalisten gestemmt, waren international vernetzt und haben sich ausgetauscht. Als dann aber die nachnationale Entwicklung in Europa einsetzte und Fortschritte machte, wurden selbst linke Kosmopoliten zu Nationalisten, unfreiwillig oder zumindest unbewusst – es hat sich herausgestellt, dass sie nichts anderes kennen und kennen wollen, als das eigene Land. Sie wollen rechts ums Eck zum Italiener und links ums Eck zum Türken gehen, aber im Kopf kommen sie nicht einen Schritt weiter. Was sie über die EU wissen, wissen sie aus ihrer Zeitung – also aus einem nationalen Medium. Und wenn sie dann über „die faulen Griechen“ lesen, sind sie entrüstet wie der Stammtisch. Und dann kommen so faktenbefreite Essays zustande wie der von Enzensberger über die EU. Das ist traurig, eine seltsame Dialektik der Geschichte.

Wie würden Sie Günter Grass in diesem Szenario einordnen?

Ich glaube, diese Fragestellung war für ihn nicht relevant, der Begriff „nachnationale Entwicklung“ hat ihm nichts gesagt. Er war Internationalist in der Tradition der Sozialdemokratie. Immerhin.

Sie haben ihn einmal als den letzten „politischen Romantiker“ bezeichnet.

Das sehe ich noch immer so. Er war zweifellos ein großer Weltautor, aber er war Romantiker in dem Sinn, dass er wirklich glaubte, dass parteipolitisches Engagement die Aufgabe eines politisch wachen und engagierten Autors sei, und nur so wirksam sein könne. Ich bin ein Anhänger der Idee des politischen Engagements von Künstlern, aber parteipolitisches Engagement beschädigt den Anspruch literarischen Engagements.

Ihr Roman ist auch als Satire bezeichnet worden. Zu Recht?

Nein. Da sieht man eben, dass auch kluge Rezensenten Probleme mit der deutschen Begrifflichkeit haben. Ich sehe im Tragikomischen eine Grundstruktur des Lebens. Das Komische im Tragikomischen zu isolieren und es Satire zu nennen, finde ich tragisch.

Wie lebt es sich mit dem Deutschen Buchpreis?

An 99,8 Prozent der Tage wache ich morgens auf, ohne an ihn zu denken. Ich habe vielleicht ein paar mehr Bücher verkauft als sonst. Und ich war schon sehr gerührt, als mein Name fiel. Ich hatte nicht damit gerechnet und sogar eine Wette auf eine Kollegin abgeschlossen. Die Wettschuld zu begleichen, konnte ich mir dann allerdings leisten.

Interview: Peter Intelmann

Jahre in Brüssel

„Die Hauptstadt“ heißt der Europa-Roman, für den Robert Menasse (63) 2017 den mit 25000 Euro dotierten Deutschen Buchpreis erhalten hat. Er hat dafür mit Unterbrechungen gut dreieinhalb Jahre in Brüssel gelebt und vor Ort recherchiert.

Robert Menasse wurde in Wien geboren und lebt dort heute wieder. Seine Schwester Eva Menasse erhielt 2017 den Österreichischen Buchpreis. Am Wochenende war er bei dem von Dieter Stolz geleiteten Literarischen Colloquium zu Gast im Günter-Grass-Haus.

LN

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