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Faszination des Verfalls

Berlin Faszination des Verfalls

Der rostbraune Schrotthaufen ist kaum noch als Panzer zu erkennen. Nur der Geschützturm mit dem schräg in den Himmel ragenden Kanonenrohr verrät die militärische Vergangenheit des maroden Gerippes.

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Ein alter Bunker, versunken in der Ostsee. Der Luftschutzraum gehört zum früheren sowjetischen Marinestützpunkt Liepaja. Die Hafenstadt liegt in Lettland.

Quelle: Fotos: Martin Roemers

Berlin. Der rostbraune Schrotthaufen ist kaum noch als Panzer zu erkennen. Nur der Geschützturm mit dem schräg in den Himmel ragenden Kanonenrohr verrät die militärische Vergangenheit des maroden Gerippes. Eingefangen wurde das kriegerische Stillleben vom niederländischen Fotografen Martin Roemers. Das Deutsche Historische Museum in Berlin zeigt jetzt mehr als 70 seiner Bilder dieser „Relikte des Kalten Krieges“.

LN-Bild

Der rostbraune Schrotthaufen ist kaum noch als Panzer zu erkennen. Nur der Geschützturm mit dem schräg in den Himmel ragenden Kanonenrohr verrät die militärische Vergangenheit des maroden Gerippes.

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Über zehn Jahre lang trug Roemers die Motive zusammen, durchstreifte dafür Ruinen und stillgelegte Militärflächen in zehn Ländern beiderseits des einstigen Eisernen Vorhangs. „Am interessantesten war es rund um Berlin“, sagt Roemers. Sein Interesse gleicht der eines Archäologen an einer antiken Ausgrabungsstätte: „Viele Orte dort haben gleich mehrere historische Schichten.“ Besonders angetan hat es ihm ein früheres Übungsgelände bei Altengrabow in Sachsen-Anhalt: „Dort stehen Überreste aus der Kaiserzeit, von den Nazis, der Roten Armee und der Bundeswehr.“ Auf seinem Foto mit dem rostigen Panzer habe er all diese Facetten eingefangen.

Die Berliner Ausstellung ist nicht die erste, in der sich Roemers mit dem Thema Krieg und Konflikte befasst. 2014 zeigte das Deutsche Historische Museum bereits seine Schau „The Eyes of War“ (Die Augen des Krieges) mit Fotos von Menschen, die im Krieg ihr Augenlicht verloren haben. Auch Fotoreihen von Weltkriegsveteranen und aus dem Afghanistankrieg zählen zu seinem Œuvre. „Ich wollte immer zeigen, welche Folgen Krieg haben kann, auf die Gesellschaft, aber auch auf die Landschaft und die Architektur“, sagt Roemers. Mit dem Kalten Krieg hat der 53-Jährige nun ein Thema aufgegriffen, das ihn selbst geprägt hat. Die Fotos von den verfallenden Zeugnissen dieser Zeit stellen daher auch für Roemers selbst eine Zäsur dar. „Der Verfall symbolisiert das Ende einer Ära, das hat eine starke Symbolkraft.“

Teilweise ist diese Symbolik in seinen Bildern fast zu greifen: Im lettischen Liepaja lichtete Roemers einen Bunker ab, der schon halb in der Ostsee versunken ist. Das Wasser wirkt auf dem Foto fast wie ein Nebel, der die Vergangenheit sanft verschlingt.

Für die Wahl seiner Motive suchte er vor allem weniger bekannte Objekte. Das machte es nicht einfach: „Die Orte zu finden, war der schwierigste Teil meiner Arbeit.“ Das Problem: Über verborgene Orte gibt es wenige Informationen. Wichtigste Helfer waren frühere Militärs und ihre einstigen Gegner, die Friedensbewegung.

Eine politische Aussage hatte Roemers nicht im Sinn, als er Ende der 90er Jahre mit dem Projekt begann. „Ich bin kein Friedensaktivist, sondern ein Geschichtenerzähler“, betont er. Ihm sei aufgefallen, dass für alle Kriege Denkmäler errichtet wurden, nur eben nicht für den Kalten Krieg. „Daher wollte ich mit meinen Fotos eine bleibende Erinnerung schaffen.“ Die heute leeren Bunker mit ihren düsteren Gängen, die Schießplätze, die inzwischen von Unkraut überwuchert sind, oder die Flugzeughangars, in denen einst todbringende Waffen auf ihren Einsatz warteten: „Die Architektur macht die Angst und Bedrohung, die davon ausgingen, greifbar“, erklärt Roemers.

Inzwischen hat ihn allerdings die weltpolitische Entwicklung eingeholt: Angesichts von Krim- und Syrienkrise scheint der Kalte Krieg gar nicht mehr so überwunden wie noch vor 20 Jahren geglaubt. So wird aus der Erinnerung eine Mahnung: „Auf meinen Bildern können die Betrachter einen Eindruck davon gewinnen, wie es wieder aussehen könnte, wenn es uns nicht gelingt, die Spannungen beizulegen“, sagt der Fotograf.

Ausstellung „Relikte des Kalten Krieges. Fotografien von Martin Roemers“, bis 14. August; Öffnungszeiten: täglich 10 bis 18 Uhr. Deutsches Historisches Museum, Unter den Linden 2, 10117 Berlin

Atombombensicher bei Bonn

Der frühere Regierungsbunker lag in Marienthal, 25 Kilometer südlich von Bonn. Er sollte der Bundesregierung als unterirdische Führungsanlage im Kriegsfall dienen. Es handelt sich dabei um ein 17,3 Kilometer langes, atombombensicheres Bauwerk unweit des damaligen Staatsweinguts Marienthal. Der Bunker entstand unter großer Geheimhaltung von 1960 bis 1972. Nach Ende des Kalten Krieges wurde die Anlage aus Kostengründen Ende der neunziger Jahre stillgelegt.

Von Axel Büssem

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