Volltextsuche über das Angebot:

16 ° / 8 ° wolkig

Navigation:
Fechten, schmachten, kläffen

Hamburg Fechten, schmachten, kläffen

Leanders Haußmanns „Cyrano“ mit einem Hauptdarsteller, der auf die Nerven gehen kann.

Voriger Artikel
Immer ein Hauch von Melancholie
Nächster Artikel
Die Verdichterin

Hamburg. Ein Theaterregisseur, dessen Mission es ist, „in diese dunkle Welt ein wenig Sonne hineinscheinen“ zu lassen, kann kein schlechter Kerl sein. Wenn er dann aber von sich behauptet, er könne schwierige Akte „von allen deutschen Regisseuren“ am besten in Szene setzen, weil „Ich kann eben sehr, sehr gut Schauspieler führen“ – dann muss das anhand seiner neuen Regiearbeit sehr kritisch überprüft werden.

Der Regisseur

Leander Haußmann (*1959, Foto) wuchs in Ostberlin in einem Theaterhaushalt auf. Er arbeitete als Schauspieler und Regisseur an einigen deutschen Bühnen, bevor er 1995 Intendant am Schauspielhaus Bochum wurde. Sein Durchbruch als Regisseur von Kinofilmen gelang ihm 2000 mit „Sonnenallee“, 2003 folgte „Herr Lehmann“.

Der Regisseur, der dies dem „Hamburger Abendblatt“ anvertraute, heißt Leander Haußmann, und er hat das Mantel-und-Degen- Versdrama „Cyrano de Bergerac“ von Edmond Rostand am Thalia-Theater in Hamburg inszeniert. Dabei zeigt Haußmann bereits in der ersten Szene, dass er ein genialer Bilderfinder ist, gestählt an Filmarbeiten wie „ Sonnenallee“ oder „Hotel Lux“. Als der Vorhang den Blick auf die Bühne freigibt, spiegelt sich dort der Zuschauerraum des Thalia – man wähnt sich selbst auf der Bühne. Solchen filmischen Akzente begegnet man in der über dreistündigen Aufführung noch häufiger.

Zunächst ahnt und hört man aber einige Kadetten in Gewändern des 17. Jahrhunderts bei ihren Angebereien, bis Cyrano de Bergerac, der tollkühne Krieger, der allein hundert Feinde besiegt, aber an seiner übergroßen Nase leidet, die Kollegen aufmischt.

Dieser Mann hat ein hervorstechendes Merkmal, die Inszenierung hat zwei: Es wird viel auf der Bühne herumgeturnt, auch klirrend gefochten, und es wird noch mehr verbal gestritten und geliebt. Die Übersetzung des Rostand- Stücks stammt vom Shakespeare- Experten Frank Günther und lässt keinen Kalauer aus. Da folgen auf „schlechte Reime“ „juckende Beine“, „Phrasen“ auf „Nasen“.

Der Kern der Geschichte: Cyrano liebt Roxane, Roxane schätzt Cyrano als Beschützer und Geistesmenschen, liebt aber den Schönling Christian. Christian liebt Roxane, fürchtet sich aber vor deren Anspruch an Geist und Phantasie. Er kann bei einem ersten Treffen nur stottern, stöhnen und sabbern (Roxane: „Sie reden Sauermilch. Ich wollte süße Sahne!“). Also springt Cyrano ein – „Lass sie uns zu zweit verführen!“ Um an Roxanes Liebe teilhaben zu können, schreibt er in Christians Namen Liebesbriefe und andere Anschmachtungen.

Haußmann gelingen weitere bestechende Bilder. Die Balkon-Szene zum Beispiel, bei der Roxane als Videoprojektion hoch oben über eine Balustrade stolziert, während die Schauspielerin an der Rampe ihren Text spricht. Doch für den Anspruch, ein Superführer seiner Darsteller zu sein, ist da zu viel sinnloses Gerenne und Geschrei. Fatal auch, dass der Poet und Schmeichler Cyrano, den der vielgelobte Edelmime Jens Harzer spielt, so unpoetisch bellt. Die Harzer-Stimme knattert, die üppige Gérard- Depardieu-Nase verstärkt das Kläffen noch, was Harzer nicht davon abhält, den Bühnen-Zampano zu geben und den Rest der Truppe in die Kulisse zu spielen.

Aus Dichtkunst wird Überwältigungsgeschwätz, aus Wortwechsel wird Wutrede. Zum Ende hin, wenn die Kadetten im Krieg darben, Cyrano aber mit blindem Eifer seine Briefe an die Geliebte verfasst und aus dem Feldlager schmuggelt, hat sich Harzers Figur in einen Getriebenen verwandelt, deren Augenblitzen und Grimassieren etwas Rudivöllerhaftes anhaftet.

Christian (Sebastian Zimmler) sollte eigentlich ein Opfer des Krieges werden, geistert aber zunächst noch zwischen Roxane (Marina Galic) und Cyrano herum. Letzterer siecht dahin als gestiefeltes Elend, beschallt von einem Satz aus Brahms’ 3. Sinfonie – der Klamauk wandelt sich zu Kitsch. Der alte Krieger kann vom Schwatzen nicht lassen, die tapfere Roxane steigt ihm nach in die Äste eines Metallröhrenbaums. Und Leander Haußmann hat sich im Sentimentalen verstiegen.

Die versprochene Sonne ist bis zuletzt nicht aufgegangen.

Weitere Aufführungen: Di., 28. März, 20 Uhr, Sa., 1. und So., 2. April, 20 Uhr.

Michael Berger

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur im Norden