Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Kultur im Norden „Festung der Neonazis darf es nicht geben“
Nachrichten Kultur Kultur im Norden „Festung der Neonazis darf es nicht geben“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
11:12 01.04.2016
. . . ist ein Ort für Veranstaltungen der rechten Szene. Die Polizei ist dort öfter im Einsatz. Quelle: Fotos: Archiv/karl-Ernst Schmidt/dirk Hoffmann

„Ich war schockiert und überrascht“, sagte die Politologin und Journalistin Andrea Röpke am Mittwochabend auf den Moment zurückblickend, als sie 2011 das erste Mal vom Thing-Haus Kenntnis bekam. So eine Festung der Neonazis in einem Gewerbegebiet dürfe es nicht geben, sagte sie während der Vorstellung ihres Buches „Gefährlich verankert — Rechtsextreme Graswurzelarbeit, Strategien und neue Netzwerke in MV“ im Grevesmühlener Rathaussaal. Das Thing-Haus, so Röpke, sei zu einem Rückzugsort der Neonazis aus ganz Nordwestmecklenburg geworden. Viele Veranstaltungen würden dort im Jahr stattfinden. Lobend erwähnte sie hier die starke Polizeipräsenz. Aber die Ignoranz der Bevölkerung hätte es möglich gemacht, dass das Thing-Haus überhaupt Bestand habe. Wegschauen statt selber aktiv zu werden, das beobachte sie in Mecklenburg ganz besonders.

Das Thing-Haus im Grünen Weg in Grevesmühlen . . .

Sehr schnell wurde an dem Abend, zu dem die Rosa-Luxemburg-Stiftung und das Kommunalpolitische Forum e. V. eingeladen hatten, klar: Andrea Röpke kennt sich aufgrund ihrer 20-jährigen Recherche in der rechten Szene bestens aus — weil sie immer nahe am Geschehen ist. Denn man brauche konkrete Beweise, um die Gefahr, die von den Neonazis ausgeht, belegen zu können, so ihre Meinung. Deshalb ist es für sie auch völlig normal, dass sie und ihre Kollegen das Treiben in Jamel genau verfolgen. So machten sie zum Beispiel im vergangenen Jahr Aufnahmen vom 11. nationalen Kinderfest. Dort wurden unter anderem Lieder der Hitlerjugend gesungen. „Die machen dort, was sie wollen“, so Röpke, die nach eigener Aussage immer wieder auf das besagte Thing Haus und Jamel, wo drei Viertel der Häuser den Neonazis gehören, angesprochen wird.

Nicht immer sind die Neonazis sofort erkennbar, wie Röpke bei ihrer Buchvorstellung erklärte. Denn sie sind auch mit anderen Gruppierungen vernetzt und arbeiten mit ihnen zusammen. Teilweise vermischen sich die Szenen. Zum Beispiel befinden sich unter den Rockern Neonazis, umgekehrt ist das ebenfalls der Fall. Welche Mischszenen es gibt und wie gefährlich sie sind, das hat Andrea Röpke in der 3. Auflage ihres Buches „Gefährlich verankert“ auf 40 Seiten dargestellt.

Auch zu Parteien wie der AfD oder Bewegungen wie Pegida oder MVgida hat die Journalistin eine klare Meinung, die sie bei der Buchvorstellung offen vertrat. So würde sich die AfD in ihren Augen als Ordnungshüter aufspielen und sei doch ein „völlig zerstrittener Haufen“, wie sie nach ihrem Besuch auf dem Landesparteitag im Februar in Demmin feststellte. Dort hatte sie nach einer Stunde den Saal verlassen müssen.

„Ich fand es gut, dass bei der Gegendemonstration zur MVgida viele Menschen in die Kirche kamen“, warf die 56-jährige Gundula Siegerth in die Diskussion mit ein. Das Schlimme an den Bewegungen und Szenen ist, so Röpke, dass sie sich gegenseitig befeuern.

„Die Veranstaltung war sehr informativ“, meinte der 85-jährige Lutz Tannhäuser vom Freundeskreis der Rosa-Luxemburg-Stiftung Mecklenburg-Vorpommern. „Wir haben großen Nachholebedarf in der Aufklärungsarbeit“, fasste Simone Oldenburg als bildungspolitische Sprecherin der Linksfraktion im Landtag ihre Eindrücke aus der Veranstaltung zusammen.

Und Horst Krumpen (49), Kreisvorsitzender der Linken, der Andrea Röpke schon bei anderen Vorträgen erlebt hatte, war einmal mehr tief beeindruckt. „Sie kennt die Szene sehr gut“, so Krumpen. Er fand es nur schade, dass so wenig Leute — es waren gerade einmal 23 — kamen.

Die Journalistin und Politologin schien mit der Resonanz dennoch zufrieden. Mehr Publikum hatte sie gar nicht unbedingt erwartet. Zu Beginn ihrer Buchvorstellung hatte sie sich bei den Besuchern für fehlende Exemplare entschuldigt. Ganz verzichten müssen sie auf dieses Buch aber nicht. Bei der SPD ist es kostenlos zu bekommen.

Von Dirk Hoffmann

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Immer mehr hochwertige Violinen werden zum Spekulationsobjekt — Geiger sind auf Mäzene angewiesen.

01.04.2016

Er hat Plattdeutsch in der Literatur salonfähig gemacht. Heute zählt Klaus Groth eher zu den Unbekannten. Das sanierte Heider Groth-Museum will das ändern.

01.04.2016

Der ungarische Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger Imre Kertesz ist tot. Er starb gestern im Alter von 86 Jahren nach langer Krankheit in seiner Wohnung in Budapest.

01.04.2016
Anzeige