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Feucht und innig, wild und schmutzig

Roskilde Feucht und innig, wild und schmutzig

Das Festival im dänischen Roskilde ist mit einem Top-Act gestartet: Die Red Hot Chili Peppers bleiben distanziert.

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Funk-rockig zum Abschluss des ersten Festivalabends in Roskilde: Die Red Hot Chili Peppers aus Kalifornien mit Sänger Anthony Kiedis.

Quelle: Nils Meilvang/dpa

Roskilde. Ein Festival ist ein Festival und bleibt ein Festival? Von wegen! Roskilde, das ist auch ein Statement, ein Gefühl – das Orange Feeling. Ein Happening der Jugendkultur, die in musikalischer Vielfalt badet.

LN-Bild

Das Festival im dänischen Roskilde ist mit einem Top-Act gestartet: Die Red Hot Chili Peppers bleiben distanziert.

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Das 46. Roskilde Festival fängt da an, wo das 45. aufgehört hat. Im vergangenen Jahr schickten Damon Albarn und Africa Express die Erschöpften mit einem fünfstündigen Marathon auf die Heimreise. In diesem Jahr ist der Blur- und Gorillaz-Mastermind wieder da, eröffnet die vier Konzerttage mit dem Orchestra of Syrian Musicians und unzähligen weiteren Gästen. Die Red Hot Chili Peppers oder Macklemore & Ryan haben zum Auftakt bereits erste Pflöcke in den (etwas aufgeweichten) Festivalboden geschlagen.

Es hätte ein furioser Moment am Mittwochabend sein können. Pünktlich zum Beginn der Konzerte hatte es aufgehört zu regnen. „What I’ve got you’ve got to give it to your mama“, singt Anthony Kiedis, und mit „Give It Away“ wollen die Red Hot Chili Peppers die Menge zum Explodieren bringen. Bassist Flea absolviert eine wahre Tour de Force auf den Saiten, auch Drummer Chad Smith investiert letzte Kraftreserven. Kiedis springt hoch, ringt nach Luft, verreißt die Zeile, kann die Distanz zur Menge nicht überwinden. Die singt und tanzt, gibt sich aber nicht vollends hin.

Die erst 19-jährige Aurora („Running With The Wolves“) und der Thrash-Metal von Slayer kommen auch noch. Und die Comeback- Boys von At The Drive-in sowieso. „Relationship of Command“ machte sie vor 16 Jahren zu Post-Hardcore-Legenden, kurz darauf lösten sie sich auf. Jetzt die zweite Reunion: Während die Peppers nur abliefern, zeigen At The Drive-in einen kraftstrotzenden, ekstatischen Auftritt mit triumphalen Hymnen wie „One Armed Scissor“. Vieler Worte von Frontmann Cedrix Bixler-Zavala bedarf es nicht. At The Drive-in: brettharte Herzenssache. Spätestens jetzt hat das Roskilde- Festival die Seele geküsst: feucht und innig, wild und schmutzig.

So schnell ausverkauft wie in diesem Jahr war das Festival zuletzt 1996. Auch damals spielten Neil Young, die Chili Peppers, Slayer, dazu David Bowie, Björk, Rage Against The Machine, Pulp, Nick Cave und die Sex Pistols. In diesem Jahr kommen noch Neil Young + Promise Of The Real, Dänemarks Superstar Mø, LCD Soundsystem, James Blake und manche andere mehr.

Aber Roskilde ist mehr als Musik, ist Anarchie, Hipster- und Hippietum, Kunst, liebevoll gestaltete Chillout-Areas. Roskilde ist Organisation: Apotheke, Bahnhof, Radio und tägliche Zeitung inklusive.

Roskilde ist ein riesiges Fahnenmeer vor der großen Bühne, ist der Geruch von Marihuana im ewigen Wettstreit mit dem Duft lange nicht gewaschener Füße. Roskilde ist Öko, ist grünes Klopapier, ist kulinarische Vielfalt von veganen Suppen über dänische, schwedische Küche bis zum Bio-Joghurt, Bio-Hot-Dog, Bio-Bagel. „Wir träumen von einem Festival ohne negative Auswirkungen auf die Umwelt“, sagt Roskilde-Sprecherin Christina Bilde.

Das Festival ist immer auch Utopie. „Wenn Woodstock irgendwo weiterlebt, dann hier“, schrie Sammy Hagar, Sänger der Gruppe Van Halen, einst von der „Orange Scene“, Bühne und Wahrzeichen des Festivals, und beschwor damit die Reinkarnation der Mutter aller Hippie-Happenings. Wer ein Ticket kauft, ist nicht nur Besucher. Er ist Träumer, Mitgestalter.

„Equality 2016 – Stand up for your rights“, lautet das Motto des diesjährigen Festivals. Für Irritationen sorgten allerdings Plakate, auf denen sich die Veranstalter das Recht vorbehalten, sämtliche Handy- und Internet-Kommunikation der Festival-Besucher „zu beobachten und Daten an unsere Partner weiterzugeben“.

Stadt und Festival

Roskilde ist eine dänische Stadt auf der Ostseeinsel Sjælland (Seeland) mit etwa 50000 Einwohnern.

1971 im August begann das Roskilde-Festival in kleinem Rahmen: 20 Bands, 20000 Fans, 2 Tage. Heute zählt das viertägige Festival mehr als 100000 Besucher. Eine Tragödie ereignete sich 2000, als beim Konzert von Pearl Jam neun Menschen starben. Sie waren auf matschigem Untergrund gestürzt und von nachdrängendem Publikum erstickt worden.

Tamo Schwarz

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