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Film ab: Die Rettung einer 200 Jahre alten Bildtapete

Wismar Film ab: Die Rettung einer 200 Jahre alten Bildtapete

Die Bildtapete im Saal des ersten Obergeschosses ist der optische Glanzpunkt im Wismarer Welt-Erbe-Haus.

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Die wertvolle Tapete im Welt-Erbe-Haus musste umfassend restauriert werden. Ein Film zeigt die 18 Monate dauernden Arbeiten in acht Minuten.

Wismar. Die Bildtapete im Saal des ersten Obergeschosses ist der optische Glanzpunkt im Wismarer Welt-Erbe-Haus. Durch einen knapp acht Minuten langen Dokumentarfilm können Besucher ab sofort anschauen, wie es dazu kam. Die knapp 200 Jahre alte und auf Leinwand gezogene Wandbekleidung hat eine abenteuerliche Geschichte — und ohne die geschickten Hände von Restaurator Jens Zimmermann und Farbrestaurator Oliver Helle und deren Geduld hätte das Ende anders ausgesehen. Doch seit 2014 gibt sie dem Tapetensaal den Namen. Die Bilder erzählen die Geschichte von Telemach, der auf den Spuren seines Vaters Odysseus zur Insel Calypso reist.

LN-Bild

Die Bildtapete im Saal des ersten Obergeschosses ist der optische Glanzpunkt im Wismarer Welt-Erbe-Haus.

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„Ich habe mich selbst schon oft gefragt: Wie bekommt man so eine auf Leinwand gezogene Papiertapete überhaupt restauriert?“, erklärte Bürgermeister Thomas Beyer (SPD) bei der Filmpremiere im Welt-Erbe-Haus. Und die Bildtapete ist ja nicht gerade klein: Insgesamt 60 Quadratmeter mussten gerettet werden, das größte Stück neun Meter lang und 2,80 Meter hoch. In der Dokumentation beschreiben die beiden Restauratoren die unterschiedlichen Herausforderungen.

Roger Pitann und Klaus-Dieter Gralow von der pitann film + grafik GmbH aus Rostock ist zu verdanken, dass es Filmmaterial zu jedem Schritt der Restaurierung gibt. Mehr oder weniger durch einen Zufall hätten er und sein Team von der Tapete im Welt-Erbe-Haus erfahren, erklärte Roger Pitann. Daraus wurde eine anderthalbjährige Begleitung des Projekts. „Es war großartig, so eine Sache von Anfang bis Ende verfolgen zu dürfen“, sagte Pitann.

Von Jens Zimmermann erfuhren die Filmleute, dass jeder Spannrahmen für die Tapete nach Maß angefertigt werden musste, da die Wände im Welt-Erbe-Haus sehr unterschiedlich sind. Sie erfuhren, wie viel Fingerspitzengefühl erforderlich war, um Schäden wie Schnitte oder Knickstellen auszubessern. Sie sahen bei Farbrestaurator Oliver Helle, wie die Temperafarben gemischt werden mussten, um bestimmte Töne zu treffen, und vor allem, wie trocken gearbeitet werden musste, damit das alte Papier nicht zu sehr aufquoll. „Wir sind jedenfalls oft ins brandenburgische Heiligengrabe, ins Atelier von Jens Zimmermann gefahren“, erinnerte sich der Dokumentarfilmmacher.

Die geladenen Zuschauer, darunter Wismars Fremdenführer, standen dicht gedrängt vor dem Tapetenzimmer und sahen sich den kurzen Streifen an. Stadtchronist Detlef Schmidt war ganz angetan: „Der Film ist für die Besucher eine schöne Ergänzung.“ So sahen es auch die Schüler aus den neunten Klassen der Großen Stadtschule, die Unesco-Schule werden will. „Der Film ist sehr informativ, nicht langweilig und nicht zu lang oder zu kurz“, lautete das Urteil von Yannick Deckert (15).

Lilian Schuppan (15), wie Yannick aus der 9b, beeindruckte, dass „die Filmer sogar nachgestellt haben, wie die Tapete zerstört wurde“. Original geschah das im November 1995: Unbekannte zerschnitten die Bildtapete sehr unfachmännisch — und warfen sie später weg. „Als ich mit Herrn Zimmermann und Herrn Helle das erste Mal im Tapetenzimmer war, ging einem das schon durch Mark und Bein“, erinnert sich Wismars Welterbe-Amtsleiter Norbert Huschner. So schlimm habe es ausgesehen. Jetzt ist der Raum das Schmuckstück des ganzen Hauses. Und nicht nur das: Ein Fragment der Tapete liegt im Archiv des Museum of Modern Art in New York. „Und wir haben herausgefunden, dass sie im Wohnhaus des ehemaligen amerikanischen Präsidenten Andrew Jackson in Nashville hängt“, berichtet Norbert Huschner. Er lächelt: „Und wir suchen noch weiter.“

Von Wismar bis Nashville

1823 wird die Papiertapete auf Leinwand in Paris hergestellt. Das Thema: „Reisen des Telemach auf die Insel Calypso“. Die Vorlage schuf der Künstler Xavier Mader zwischen 1815 und 1820.

2087 Druckstöcke und 87 Farben brauchte es zur Herstellung — ein teures Verfahren.

Der Wismarer Bürgermeister Gabriel Lembke hatte den Auftrag für den Druck erteilt, als er das Haus in der Lübschen Straße umgestalten ließ. 1828 wurde die Tapete eingebaut.

Die gleiche Tapete hängt in Nashville, Tennessee (USA): im Privathaus des 7. US-Präsidenten Andrew Jackson (1767-1845) und Gründers der Demokratischen Partei.

Von Sylvia Kartheuser

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