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Kultur im Norden Finnland 1922 in Bild und Ton
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19:14 03.11.2017
Vor der Leinwand hatten Franz Danksagmüller und seine vier Mitstreiter ihre elektronischen und analogen Instrumente aufgebaut. Quelle: Foto: Olaf Malzahn
Lübeck

Das Außenministerium in Helsinki beauftragte den Filmpionier Erkki Karu mit den Dreharbeiten. Das Ergebnis war der 212 Minuten lange Streifen „Finlandia“, der am Donnerstag in der Katharinenkirche zu sehen war. Ein eindrucksvolles Zeitdokument. Dass dieser Film überhaupt gezeigt werden konnte, ist das Ergebnis sorgfältiger Restaurationsarbeit; 1959 waren die Filmrollen bei einem Brand fast vollständig zerstört worden.

Die Aufführung in St. Katharinen erforderte hartgesottene Zuschauer, die Kirche war ausgesprochen kalt. Wer die zwei Stunden durchhielt und nicht in Kältestarre verfiel, wurde mit einem doppelten Erlebnis belohnt. Die fast 100 Jahre alten Filmbilder erwiesen sich als ebenso eindrucksvoll wie die live eingespielte Musik von Franz Danksagmüller. Der Professor für Orgel und Improvisation an der Musikhochschule Lübeck hat mit seinen Studierenden schon häufiger Stummfilme mit Begleitmusik versehen, seine Klänge zu „Finlandia“ aber waren ein wahres Meisterstück. Gemeinsam mit vier seiner Studenten bediente Danksagmüller die einzigen beiden analogen Instrumente – Orgel und ein herziges Spielzeugklavier – sowie die komplizierte Elektronik. Die Bandbreite der Klänge reichte von onomatopoetischen Tönen bis hin zu Techno-Rhythmen – für einen Film aus dem Jahr 1922 eine außergewöhnliche, aber großartig passende Begleitung, zumal die Musik auch immer wieder Bezug auf die meditativen Joik-Gesänge der Samen nahm. Das Krachen, wenn ein Eisbrecher die Fahrrinne vor Helsinki räumt, wurde musikalisch ebenso dargestellt wie das Geräusch von schnell fließendem Wasser oder das Getrappel von Pferdehufen. Danksagmüllers Musik erschloss eine neue Dimension zu den schwarzweißen Bildern von Erkki Karu.

Und diese Bilder hatten es in sich. In sechs Kapiteln schilderte Karu sein Heimatland: Holzwirtschaft, Helsinki, Sport, Militär, die florierende Milchwirtschaft und die Nutzung der Wasserkraft.

Erstaunlich lange Sequenzen hat Karu filmen lassen, die Komposition der Bilder ist durchgehend von hoher ästhetischer Qualität – wenngleich auch manchmal unfreiwillig komisch. Die gymnastischen Darbietungen finnischer Turner sind eher erheiternd, dafür sind die Leistungen der Leichtathleten und vor allem der Skiläufer und -springer herausragend. Wie groß der Nationalstolz der endlich selbstständigen Finnen 1922 war, zeigt der begeisterte Empfang der Olympiasieger der Spiele von Antwerpen, die praktisch auf Händen durch Helsinki getragen und von der Präsidenten-Gattin mit einem Lorbeerkranz geehrt wurden.

Finnland vor 100 Jahren aber war auch ein Land, in dem schwere Arbeit geleistet wurde, vor allem in der Holzwirtschaft. Kaum noch vorstellbar heutzutage ist die Plackerei von Frauen, die schwere Holzscheite in einer Papierfabrik schleppen mussten. Im Film lächeln alle dabei – das war in Wirklichkeit sicher nicht so.

Finnischer Filmpionier

Erkki Karu (1887-1935) arbeitete zunächst als Wanderschauspieler, bevor er 1919 mit einigen Partnern die Filmproduktionsgesellschaft Suomi-Filmi gründete, die schnell das führende Filmstudio in Finnland wurde. Allein die Dokumentation „Finlandia“, uraufgeführt in Genua 1922, hatte europaweit mehr als sechs Millionen Zuschauer. Erkki Karus 1923 entstandener Film „The Logroller's Bride“ war der erste international vertriebene finnische Film. Meist schrieb Karus selbst die Drehbücher und fertigte die Schnittfassung an.

Jürgen Feldhoff

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