Volltextsuche über das Angebot:

21 ° / 12 ° Regenschauer

Navigation:
Fluchtgeschichten im Güterwaggon

Frankfurt (Oder Fluchtgeschichten im Güterwaggon

Erzählungen von Zeitzeugen aus dem Zweiten Weltkrieg werden zu einem Theaterstück an einem ungewöhnlichen Ort.

Voriger Artikel
Der gute Onkel Peter Simonischek
Nächster Artikel
Neben Raps und Weizen sprießt Kunst

Rette sich, wer kann! Mitglieder der niedersächsischen Theatergruppe „Das letzte Kleinod“ bei der „Flucht“-Aufführung.

Quelle: Bernd Settnik/dpa

Frankfurt (Oder. ). Die Theaterbesucher müssen Gleise überqueren, um zu ihren Plätzen zu kommen. Nacheinander betreten sie vier Güterwaggons. Dort stehen nur Bänke. Die Türen werden verschlossen – es macht rumms. Nur wenig Licht gelangt durch die Ritzen. In der Stille sind dann nur noch die Stimmen der Schauspieler zu hören, die Fluchtgeschichten aus dem Zweiten Weltkrieg erzählen. Das mehrsprachige Doku-Stück „Flucht- Ucieczka“ hatte jetzt in Frankfurt/Oder Deutschlandpremiere.

Schauspieler der niedersächsischen Theatergruppe „Das Letzte Kleinod“ und des polnischen Theaters Gdynia Glówna touren zurzeit mit einem Zug durch Deutschland und Polen. Auf Bahnhofsgeländen koppeln sie die Güterwaggons ab – ihre Spielstätte. Bis zum 26. August ist das mehrsprachige Stück unter anderem in Berlin, Lüneburg und Hannover zu sehen. Vor der Deutschlandpremiere wurde das Stück schon in Polen aufgeführt. Im Nachbarland sprachen die Darsteller auf der Bühne überwiegend Polnisch und kaum Deutsch. Hier in Deutschland ist es umgekehrt.

Sechs Darsteller und zwei Musiker beleuchten mehrere Fluchtgeschichten vor und in den Waggons. Diese werden parallel erzählt. Die Geschichten basieren auf Gesprächen mit Zeitzeugen in Polen, Russland und Deutschland. Wie viel Fiktion ist dabei? Regisseur Jens-Erwin Siemssen sagt: „Null.“ Alle Berichte hätten die Zeitzeugen so erzählt. „Die Interviews fanden oft unter Tränen statt.“

Da gibt es zum Beispiel die Geschichte eines Mädchens, dem die Mutter untersagt, sich mit den Kriegsgefangenen abzugeben. „Da hab’ ich dem einen einen Apfel zugesteckt – durch den Drahtzaun.“ Es sind kleine Alltagsgeschichten mit Gefühlen und Hoffnung. Das Ganze wird immer wieder harsch unterbrochen: Die Darsteller imitieren Flugzeuge, die über das Gelände fliegen.

Vor Schreck ducken sich die anderen. Als die Zuschauer in den Waggons sitzen, wird von außen dagegengeschlagen. Dann gehen die Türen auf und es wird geschrien: „Aussteigen!“ Es fallen in den Erzählungen Sätze wie „Das Schlimmste waren die Nächte, wenn die Frauen geholt wurden“, „Es war bitterkalt“ oder „Wir hatten nur das, was wir anhatten“. Nach der Premiere sind viele Zuschauer still. „Bewegend“ und „beeindruckend“ beschreiben einige das Gefühl, mitten im Geschehen zu sitzen. „Das nimmt einen mit“, sagt eine Frau.

Die seit den 1990er Jahren bestehende niedersächsische Theatergruppe „Das Letzte Kleinod“ aus Schiffdorf spielt an ungewöhnlichen Orten – und plant schon das nächste Stück. Es geht um syrische Flüchtlinge in Deutschland. Der Gruppe wurde Anfang des Jahres der Theaterpreis des Bundes verliehen. Anna Ringle

LN

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur im Norden