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Kultur im Norden „Flüchtlinge bereichern unsere Kultur“
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19:15 11.02.2016
Dem chinesischen Pianisten Lang Lang (hier beim Schleswig-Holstein Musik Festival) ebnete Eschenbach den Weg in die Konzertsäle. Quelle: Fotos: Dpa

Berlin. Christoph Eschenbach (75) gehört zu den großen Pianisten und Dirigenten unserer Zeit. Er hat zudem die Pianisten Tzimon Barto und Lang Lang, die Geigerin Julia Fischer und die Sängerin Renée Fleming gefördert. Er wurde in Breslau geboren und flüchtete nach dem Zweiten Weltkrieg mit seiner Großmutter. Jetzt ist er mit dem National Symphony Orchestra aus Washington auf Europatournee, heute Abend in Hamburg. Im Interview erzählt er, wie er die aktuelle Flüchtlingsdebatte sieht — und was er selbst erlebt hat.

Sie waren als Kind selbst ein Flüchtling. Wie verfolgen Sie die aktuelle Debatte über die Flüchtlingskrise in Deutschland?

Christoph Eschenbach: Die interessiert mich natürlich sehr, wie Sie sagen, auch aus meinem eigenen Schicksal. Nur ist es jetzt ein globales Thema geworden, während es am Ende des Zweiten Weltkriegs eher ein europäisches, ein deutsches Problem war. Das macht die Sache schwieriger.

Erinnern Sie die Bilder sehr an Ihre Vergangenheit?

Eschenbach: Natürlich. Wenn ich Bilder sehe von Leuten, die in Schlauchbooten über das Mittelmeer kommen. Nicht so anders sah es aus in meiner Jugend. Das war zwar nicht in Schlauchbooten, aber im tiefen Schnee des Winters 1945. Wo man irgendwo eine Krume Brot suchte. Und wo Leute vor einem, neben einem und hinter einem starben.

Hierzulande wird heftig gestritten — Abschottung oder nicht?

Eschenbach: Ich bin gegen eine Abschottung, total dagegen. Natürlich ist das immer eine Frage der Integration, und die muss man sehr klug handhaben. Aber ich bin ein Gegner davon, Grenzen zu schließen. Ich finde es interessant, dass sich die Kulturen vermischen. Deswegen sollte man die Flüchtlinge nicht so als Problem sehen, sondern man sollte viel aufgeschlossener sein. Wir sollten interessierter sein, was die Menschen, die nach Norden strömen, an Kultur mitbringen. Sie können uns bereichern.

Weil sich auch unsere Kultur verändert?

Eschenbach: Ja. Wir haben unsere Europatournee mit dem National Symphony Orchestra in Spanien begonnen. Und wenn Sie die spanische Musik anhören, die spanische Folklore oder die Architektur anschauen, dann entdecken Sie sehr viel vom Islam darin. Und das meine ich mit Kulturvermischung. Das geht schon seit Jahrhunderten, Jahrtausenden vor sich.

Man liest, Sie hätten als Kind nach der Flucht angefangen zu schweigen?

Eschenbach: Ja. Ich war zu. Ich brauchte ein Ventil, das mich wieder öffnet. Und das war die Musik.

Heute Abend, vor Ihrem Konzert in der Hamburger Laeiszhalle, hören Sie da noch einmal Musik, um in Stimmung zu kommen?

Eschenbach: Nein. Eigentlich nie. Vor einem Konzert versuche ich, ab dem Nachmittag Ruhe zu haben. Um dann am Abend das Pferd aus dem Stall zu lassen. Ich höre selten aufgezeichnete Musik.

Popmusik interessiert mich sowieso nicht. Schon alleine die notorisch laute Klangebene und der immer selbe Farbton stören mich.

Und Neue Musik?

Eschenbach: Auch die höre ich mir erst einmal nicht an, ich schaue in die Partitur. Ich lese die ja wie ein Buch. Das Abspielen einer Platte geht mir zu schnell vorüber. In der Partitur kann ich mich aufhalten, sozusagen auf jeder Seite.

Flüchtling und Künstler

Christoph Eschenbach ist noch bis 2017 Generalmusikdirektor des National Symphony Orchestra in Washington. Außerdem ist er „Principal Conductor“ der Orchesterakademie des Schleswig-Holstein Musik Festivals.

Seine Mutter starb kurz nach der Geburt, sein Vater Heribert Ringmann war Musikwissenschaftler und Nazi- Gegner. Er kam im Krieg in einem Strafbataillon ums Leben. Mit seiner Großmutter flüchtete Eschenbach im Januar 1945 aus Breslau, sie starb in einem Flüchtlingslager in Mecklenburg. Der Junge wuchs bei Adoptiveltern in Neustadt in Holstein und in Aachen auf.

Konzert: Eschenbach dirigiert das National Symphony Orchestra heute Abend in der Hamburger Laeiszhalle. Auf dem Programm steht die Ouvertüre zu „Tannhäuser“ von Richard Wagner, das Klavierkonzert von Edvard Grieg mit dem Solisten Lang Lang und die 7. Sinfonie von Ludwig van Beethoven. Beginn: 19.30 Uhr

Interview: Julia Kilian
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