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Kultur im Norden Forschung zu Thomas Mann: „Vorsicht bei Personen namens Mann“
Nachrichten Kultur Kultur im Norden Forschung zu Thomas Mann: „Vorsicht bei Personen namens Mann“
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11:58 07.02.2017
1953 besuchten Thomas und Katia Mann die Ruine Mengstraße 4, heute das Buddenbrookhaus. Quelle: Kripgans
Lübeck

Das Familienoberhaupt Thomas Mann meinte über seinen Clan, das sei doch „eine wirklich erlauchte Versammlung, aber einen Knacks hat jeder“. Mit Ironie sprach der Autor über den verzweigten Familienverband mit all seinen Erfolgen und Tragödien. Bestsellerautoren, Wissenschaftler und auch Selbstmörder hatten die Manns zu bieten, ihre Wirkungsorte erstrecken sich von Lübeck bis Venedig, von München bis zum Exil im kalifornischen Pacific Palisades.

Alle Beteiligten verkörpern auch deutsche Geistesgeschichte und sind eingebunden in die politischen Wirren seit 1900. „Vorsicht ist geboten bei allen Personen namens Mann“, warnte das Ordnungsamt Lübeck 1936. Der Berliner Autor Manfred Flügge, der bereits eine vielbeachtete Biografie über Heinrich Mann geschrieben hat, nennt sein neues Buch „Das Jahrhundert der Manns“ (siehe auch LN vom 20. Mai). Mit diesem unbescheidenen Anspruch gelingt Flügge auf 400 Seiten ein leicht lesbarer und doch inhaltsreicher Schnelldurchlauf zu dieser Familie des 20. Jahrhunderts.

Das Buch ist allen Lesern zu empfehlen, die sich bisher noch nicht intensiv mit der Schriftstellerfamilie befasst haben, aber nach der Fernsehserie „Die Manns“ von 2001 (Regie: Heinrich Breloer) etwas mehr wissen wollen. Und natürlich bietet Flügge auch Einführungen zu den wichtigsten Werken der Manns.

Vor allem aber gibt es in „Das Jahrhundert der Manns“ anschauliche Porträts der jeweiligen Protagonisten mit Kapiteln wie „Die Tragödie der Carla Mann“, „Bruderzwist im Hause Mann“ und „Die Erfahrung des Exils“. Flügge stellt sich auch die Frage, ob Thomas Mann mit seiner „Knacks“-Bemerkung auch seine Vorliebe für „göttliche Jünglinge in früher Männerblüte“ meinte, die er mit seiner 1911/12 erschienenen Erzählung „Der Tod in Venedig“ offenbarte.

Thomas Mann, dessen Todestag sich jetzt zum 60. Mal jährt, habe sicherlich mit seinen Arbeiten und auch späteren Äußerungen zur gesellschaftlich-moralischen Akzeptanz der Homosexualität beigetragen, meint Flügge. „Damit hat er seinen Platz in dieser anderen Emanzipationsgeschichte seines Jahrhunderts.“

Ein Selbstporträt des autonomen Künstlers enthält die Erzählung „Tonio Kröger“ (1902). Für Flügge beschreibt Mann darin den Typus des „pathetisch-heroischen Künstlers, der Märtyrer seines Talents“ ist, wie es in der Erzählung heißt. Ein Künstlerleben, das im privaten Bereich seinen Preis hatte: Distanz. Tochter Monika Mann sprach vom „Zwielicht der mondänen Einsamkeit“, und die jüngste Tochter, Elisabeth Mann Borgese, erinnerte sich, dass sie „nur ein einziges Mal ein ausführliches Gespräch mit dem Vater“ geführt habe.

Insgesamt versteht Flügge die vielen Sonderwege und Widersprüche, Irrtümer und Erfolge der Manns auch als einen „Spiegel, in dem wir manche Züge und Neigungen der Deutschen besser erkennen können“.

Das spiegeln schon die beiden so unterschiedlichen Brüder Thomas und Heinrich wider. Einerseits der äußerlich immer die Form wahrende, innerlich aber von Gefühlen geschüttelte Thomas („der leberleidende Rittmeister“, wie ihn seine Schwiegereltern sahen), andererseits der rebellische und die Sinnenfreuden auch auslebende, frankophile Heinrich. Über dessen frühe literarischen Versuche mokierte sich Thomas: „Zu viel ,Schenkel‘, ,Brüste‘, ,Lende‘...“ Er sei kein Moralprediger, aber „nur Affen und andere Südländer können die Moral überhaupt ignorieren“, schreibt Thomas Mann.

Seltsam lesen sich die Lebensbilanzen des Ehepaars Katia und Thomas Mann. Die immer resolut wirkende Katia meinte einmal, „fast beiläufig, zu unser aller Verblüffung“, wie Marcel Reich-Ranicki schrieb, sie habe in ihrem Leben „nie tun können, was ich hätte tun wollen“. Und der „Zauberer“, wie Thomas Mann in seiner Familie genannt wurde, sprach am Ende von einem „wunderlichen Lebenstraum“, den er aber eigentlich nicht wiederholen wolle — aus welchen Gründen auch immer.

Am 12. August 1955 ist der Literaturnobelpreisträger in Zürich gestorben.

„Weiße Flecken in der Biografie“
Lübecker Nachrichten: Frau Dittmann, Sie kommen als wissenschaftliche Mitarbeiterin des Buddenbrookhauses nicht nur in Kontakt mit Menschen, die sich akademisch mit Thomas Mann beschäftigen, sondern auch mit einfachen Lesern. Hat sich deren Bild des Großschriftstellers in den vergangenen Dekaden verändert?
Britta Dittmann: Die Besucher, die von außerhalb kommen, wollen etwas über die bekannteste Persönlichkeit erfahren, die sie mit Lübeck verbinden. Der Roman „Buddenbrooks“ ist immer noch der Grund, warum sie ins Haus strömen. Bei den Lübeckern ist das anders. Auch durch unsere Arbeit hat sich einiges verändert — zum Beispiel dadurch, dass wir Thomas Mann nicht nur als Schriftsteller präsentierten, sondern auch als politischen Menschen, Repräsentanten deutscher Kultur und auch als Leitwolf eines Clans. Man kann im Buddenbrookhaus einiges über die Familie erfahren, nicht nur über Heinrich Mann, den Bruder, sondern auch über Katia und die Kinder.

LN: In Lübeck wurde im Kontext mit dem Vorschlag, der Uni den Namen Thomas Manns zu geben, die sexuelle Orientierung des Nobelpreisträgers diskutiert. Spielt das bei den Besuchern eine Rolle?
Dittmann: Interessanterweise nicht. Bei den jungen Leuten ist es überhaupt kein Thema, und auch sonst irritiert das niemand. Wir hatten eine Ausstellung zu „Tod in Venedig“, wo die Homoerotik und auch die Knabenliebe Thema waren, auch da hat sich niemand darüber erregt.

LN: Was ist in Leben und Werk von Thomas Mann noch zu erforschen?
Dittmann: Es gibt noch ein paar weiße Flecken in der Biografie. Das betrifft auch die Jugend in Lübeck. Man weiß zum Beispiel nicht, was Thomas und Heinrich Mann außerhalb der Schule und des Elternhauses getrieben haben.

LN: Sie sind ins Theater gegangen.
Dittmann: Ja, aber darüber hinaus weiß man nur, dass sie nicht eben sportlich waren, dass sie viel gelesen haben . . . Wir versuchen herauszukriegen, was junge Leute in Lübeck Ende des 19. Jahrhunderts in ihrer Freizeit machten, aber auch, welche Rolle die zeitgeschichtlichen Ereignisse in ihrem Leben spielten. Dieses Thema gehen wir im Buddenbrookhaus verstärkt an. 2018 wird es wichtig für eine neue große Dauerausstellung sein.
Bürger auf Abwegen
Das Buddenbrookhaus in Lübeck (Mengstraße 4) wird zum 60. Todestag von Thomas Mann am kommenden Mittwoch keine besondere Veranstaltung anbieten. Noch ist dort die Ausstellung „Erzähl mir Meer! Geschichten von der See“ zu sehen. Ab 11. September wird dann eine Konfrontation von Thomas Mann mit Theodor Storm Thema einer Sonderschau sein, Titel: „Bürger auf Abwegen“.
Manfred Flügges Buch „Das Jahrhundert der Manns“ ist im Aufbau-Verlag erscheinen, 416 Seiten, 22,95 Euro.

Interview: Michael Berger Wilfried Mommert und Mic

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