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Kultur im Norden Frankenstein im Thalia: Schnitzeljagd durchs Versuchslabor
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09:32 20.11.2018
Dr. Frankenstein (Sebastian Zimmler) schließt letzte Kabel an, um seinen künstlichen Menschen (Pascal Houdus) zum Leben zu erwecken. Quelle: Foto: Krafft Angerer
Hamburg

Ein farbloser Schmalhans im Anzug (Thomas Geiger) steht am Rednerpult. „Wir bestehen aus biomechanischen Algorithmen“, beginnt er seinen Vortrag über „Homo Deus“ des israelischen Autors Yuval Noah Harari und dessen Thesen über die Gefahren der Künstlichen Intelligenz (KI). Da stiefelt die Putzfrau (Karin Neuhäuser) heran, stöpselt eine Verlängerungsschnur für ihren Staubsauger um – und der Redner sackt zu Boden: Er war selbst nur ein künstliches Wesen. Mit Stromanschluss.

Mit „Frankenstein/Homo Deus“ greift das Thalia Theater ein populäres Thema auf. Erschaffen wir Wesen, die wir nicht mehr kontrollieren können? Ehrgeizig ist auch die Darstellungsweise: In vier Gruppen unterteilt wandert das Publikum durchs ganze Haus. Aber der Theaterabend zündet nicht, trotz Blitz und Donner in Frankensteins Labor. Es ist eine mühsame, dreieinhalbstündige Schnitzeljagd. Der Zuschauer stolpert durch ein Potpourri von Anekdoten, in dem vieles beliebig wirkt und belanglos bleibt.

Mit dem schroffen Charme der Putzfrau

Auf den ersten Blick ist es ein gelungener Kontrast: Hararis Thesen werden vom schroffen Charme der Putzfrau entzaubert. Statt Sorgen über die Explosion bei der Künstlichen Intelligenz macht sie sich „eher Sorgen über die Stagnation bei der menschlichen Intelligenz“. Aber dann erzählt sie schlechte Witze und lässt die Gelegenheit zu einer erfrischenden Reflexion der KI-Forschung aus Putzfrauensicht weitgehend verstreichen. Stecker wieder rein, revitalisierter Redner bedankt sich steril für die Aufmerksamkeit, die Zuschauergruppe schiebt sich zu einer der nächsten Stationen.

Es sind dies: ein Science-Fiction-Film über einen Androiden, der sich im Menschenreservat von einem Terroristen den Akku zerschießen lässt und von dessen Geliebter geflickt wird. Ein Disput zweier Forscher, die im Publikum durch Tests nach dem einzigen künstlichen Wesen im Saal fahnden. Und ein düsterer Hörsaal, in dem Dr. Frankenstein (Sebastian Zimmler) seinen Humanoiden montiert hat und zum Leben erwecken will. Das ist gut gespielt, eindrucksvoll ins Bild gesetzt

Eine skurrile Orgie mit Kissenschlacht

Was will dieser Abend sein? Auch im letzten Teil bleibt Regisseur Jan Bosse die Antwort schuldig. Die Handlung mäandert zwischen teils berührenden Monologen und einer skurrilen Orgie mit Kissenschlacht hin und her, während vom Bühnenhimmel riesengroße Synapsen leuchten. „Was macht den Menschen menschlich, was ist uns kostbar am Menschsein?“, fragt Bosse im Programmheft: „Ich hoffe, dass sich nach einer so intensiven Beschäftigung mit diesem Thema zeigt, was uns ausmacht und was erhaltenswert ist, auch wenn es mit Krankheit, Fehlern, Zweifeln oder Tod zu tun hat.“

Leider zeigt sich das nicht. Das Stück wirkt wie das Zwischenergebnis eines Brainstormings zum Thema künstliches Leben. Der Fokus, mit dem sich eine solche Collage entrümpeln ließe, um daraus einen packenden Premierenabend zu schaffen, dieser Fokus fehlt.

Die nächsten Vorstellungen:20. und 29. November, 4. und 12. Dezember, 11. und 14. Januar (je 20 Uhr). Kartentelefon: 040-32 81 44 44

Lars Fetköter

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