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Kultur im Norden „Freiheit wird nicht gegeben, man muss sie sich nehmen“
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21:19 06.07.2013
Von Liliane Jolitz
Museumsleiter Christian Walda mit dem „Hundeschnauzenhut“ aus Fell, Filz, Samt, künstlicher Hundeschnauze. Quelle: Foto: Jolitz
Rendsburg

Schon in jungen Jahren beschloss Meret Oppenheim, Künstlerin zu werden. Und nicht zu heiraten. Mit 17 Jahren begriff sie, „dass die Frauen noch immer, wie zum Anbeginn unserer Zeit, eine Ware waren, nach wie vor abhängig von den Männern (. . .).“ Erstaunlich eigenwillige Ansichten für eine schöne junge Frau damaliger Zeit. Ihr Ziel, Künstlerin zu werden, hat sie erreicht. Geheiratet hat sie später dann aber doch. Verschiedene Museen erinnern in diesem Jahr mit Ausstellungen an Meret Oppenheim, die am 6. Oktober 100 Jahre alt geworden wäre.

Auch das Jüdische Museum Rensburg hat — in Zusammenarbeit mit der Hamburger Galerie Levy — eine umfangreiche Ausstellung zusammengestellt.

Oppenheims bekanntestes Werk, die mit Pelz überzogene Tasse von 1936, ist hier nicht zu sehen. Die Berühmtheit, die ihren Platz im MoMA in New York hat, ist dennoch gegenwärtig. Ihr ist ein eigener Raum gewidmet. Diverse Fotos widmen sich der Pelztasse, mal mit, mal ohne ihre Schöpferin.

170 Arbeiten werden im Jüdischen Museum gezeigt, Zeichnungen, Gedichte, Objekte. Es sind Werke nicht nur von Oppenheim, sondern auch von Kollegen und Kolleginnen, die sie geprägt und begleitet haben, zu einem großen Teil Fotos, die ihr Leben nachzeichnen, sie als junge Frau präsentieren, die (ein Skandal!) 1934 nackt für Man Ray posierte bis hin zu Szenen aus ihrem Leben als alte Frau. So stellt die Ausstellung vielleicht mehr noch als ihr Werk die Person Meret Oppenheim in den Mittelpunkt. Präsentiert wird eine Frau, die Feministinnen als Vorbild diente und sich immer noch abhebt, zumal in der neuen Biederkeit unserer Tage.

Meret Elisabeth Oppenheim wird 1913 in Charlottenburg bei Berlin geboren. Ihre Eltern sind der Arzt Erich Alphons Oppenheim und die Schweizerin Eva Wenger. Sie wird evangelisch erzogen, entwickelt aber keine Bindung an eine Religion. Ihre Großmutter Lisa Wenger war bildende Künstlerin, Schriftstellerin und Frauenrechtlerin. Eine Tante Oppenheims, Ruth Wenger, war Malerin, Sängerin — und kurze Zeit die Ehefrau Hermann Hesses. Während des Ersten Weltkriegs zieht Meret mit ihren Eltern in die Schweiz.

Als 18-Jährige geht sie nach Paris. Dort kommt sie mit Alberto Giacometti und Hans Arp zusammen, schließt sich dem surrealistischen Kreis um André Breton an. Schnell macht die junge Künstlerin von sich reden. 1935 beteiligt sie sich erstmals in Kopenhagen an einer Ausstellung. Ein Jahr später wird ihre berühmte Pelztasse, Sinnbild des Surrealismus, gezeigt. Später wird es still um die Künstlerin. Sie gerät in eine schwere psychische und künstlerische Krise, aus der sie sich erst 18 Jahre später befreien kann, und kehrt in die Schweiz zurück. Während der schweren Jahre beschäftigt sie sich mit der Analytischen Psychologie Carl Gustav Jungs, den sie bereits als Jugendliche getroffen hat.

„Sie hat sich mit Leuten umgeben, die gebrochen waren“, sagt Museumsleiter Christian Walda. Die Werke der Ausstellung allerdings zeugen eher von Heiterkeit und einem von Spott durchzogenem Ernst denn von Schwermut. Außer ihren Zeichnungen und Objekten sind auch Dinge des Alltags zu sehen, innenarchitektonische Entwürfe oder Möbel, zum Beispiel ein Tisch mit Vogelfüßen. Oder skurriler Schmuck.

Auch einen Brunnen, den sie entworfen hat, hätte man bekommen können. „Aber der hätte nicht durch den Eingang gepasst“, sagt der Museumsleiter.

Meret Oppenheim künstlerisches Prinzip ist der Zufall. Eher zufällig ist auch die berühmte Tasse entstanden. Bei einem Treffen mit Pablo Picasso und Dora Maar im Café Flore in Paris trug sie einen Messingarmreif mit Pelzbesatz. Man habe Witze gemacht, erzählte sie in einem Interview. Picasso habe gesagt: „Man könnte alles mit Pelz überziehen.“ Das sei ihr später wieder in den Sinn gekommen.

Sie war die bekannteste Surrealistin, hat sich selbst jedoch nicht so bezeichnet. Für sie war alles surrealistisch, was gut ist.

Viel gibt es über Oppenheim zu sagen. Die Ausstellung aber verzichtet auf ausführliche Beschriftungen und Texte. Der Titel ist ein Zitat der Künstlerin: „. . . was hast du denn da wieder Seltsames gemacht“.

Das klingt leicht, leichter, als es vermutlich war. Als Oppenheim Mitte der 1970er Jahre den Kunstpreis der Stadt Basel erhält, sagt sie: „Die Freiheit wird einem nicht gegeben, man muss sie nehmen.“

1985 stirbt sie an einem Herzinfarkt.

Die Öffnungszeiten
Die Ausstellung über Meret Oppenheim wird heute um 12 Uhr eröffnet. Sie ist bis 22. September im Jüdischen Museum Rendsburg zu sehen. Geöffnet ist das Museum Dienstag bis Sonntag von 12 bis 17 Uhr. Eintritt drei Euro, ermäßigt zwei Euro.


Führungen mit Museumsleiter Christian Waida an folgenden Sonntagen: 21. Juli, 18. August, 22. September, jeweils um 12 Uhr. (1,50 Euro plus Eintritt).

• www.jmrd.de

„Ich habe mich oft gut amüsiert, aber das waren die wohl verdienten Früchte des von mir gewählten Lebens.“


Meret Oppenheim

Liliane Jolitz

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