Volltextsuche über das Angebot:

12 ° / 8 ° Sprühregen

Navigation:
„Freischütz“ des 21. Jahrhunderts

Eutin „Freischütz“ des 21. Jahrhunderts

Dirigent und Komponist Leo Siberski hat die Oper für die Eutiner Festspiele modernisiert.

Voriger Artikel
Debatte um koloniales Erbe entfacht
Nächster Artikel
Wenn Kunst in die Kiste kommt

Leo Siberski, 1969 in Hannover geboren, probt mit dem Festspiel-Orchester, der Kammerphilharmonie Lübeck, in den Räumen der Kulturwerft Gollan.

Quelle: Foto: Marco Ehrhardt

Eutin. Die beschaulichen Opernfestspiele am Ostholsteiner See, traditionell und inzwischen sinnigerweise wieder stärker dem großen Sohn der Kreisstadt, Carl Maria von Weber, zugeneigt, haben ein steiles Projekt mit der romantischen Oper „Der Freischütz“ vor. Bei der Uraufführung einer halbszenischen Crossover-Neufassung an diesem Sonnabend sollen zwar die verwendeten Teile der berühmten deutschen Nationaloper unangetastet erklingen, doch steckt der Teufel diesmal nicht nur im Freikugel-Detail, sondern auch im großen Ganzen.

 

LN-Bild

Carl Maria von Weber auf einem Stich von 1823.

Quelle:

Der Dirigent Leo Siberski, zuletzt einige Jahre Erster Kapellmeister am Kieler Opernhaus und ab Ende August Generalmusikdirektor im sächsischen Theater Plauen-Zwickau, führt sein Engagement für die Eutiner Festspiele mit einer Collage fort, die den Titel „Wolfsschlucht“ trägt.

„Ursprünglich war der Plan, Webers Original mit dem Musical ,The Black Rider‘ von Robert Wilson und Tom Waits zu verschränken. Aber dafür waren die Aufführungsrechte nicht zu bekommen“, erzählt Siberski. Die Grundidee aber war unauslöschlich, und so begann der Musiker, eine eigene Textfassung zu erstellen, die Webersche Originalpassagen in eine neue Erzählung der besonders beliebten Negativfigur Kaspar einfasst. Kaspar ist der Jägerbursche, der seinen Konkurrenten Max verführt, in der titelgebenden Wolfsschlucht bei dunklen Mächten Hilfe für sein Probeschießen zu suchen. „Leben und Tod des Jägers Kaspar“ sei das Thema, macht auch ein Trailer deutlich, der bei Youtube zu sehen ist.

Ziel sei es gewesen, dem betulich Biederen zur Zeit des frühen 19. Jahrhunderts wieder seine genial unterschwellige Dämonie zurückzugeben. „Kaspar verliert bei der Heimkehr nach jahrelangem Kriegsdienst noch die letzte Hoffnung, die ihm blieb: seine Geliebte Agathe, denn die hat sich nach Jahren vergeblichen Wartens nun Max zugewandt“, resümiert Leo Siberski die Rahmenhandlung. Kein Wunder also, dass sich da Konfliktpotenzial aufbaut und Kaspar versucht, Max dämonisch zu schaden.

Den Link ins 20. und 21. Jahrhundert bilden nun neu komponierte und zwischengeschaltete Orchesterstücke und Songs. Sie sind in Zusammenarbeit mit dem Komponisten Per Baierlein entstanden. Am Rande einer Probe, in der die in Lübeck ansässige, professionell besetzte Kammerphilharmonie Anfang dieser Woche ihre neue Residenzstätte, die Kulturwerft Gollan, austesten konnte, gewinnt man erste Eindrücke: Das klassische Orchester Carl Maria von Webers wird ausschließlich für die neuen Teile in Richtung Rockoper aufgerüstet.

„So richtig stilistisch fassen kann man das aber nicht“, so Siberski, „da ist von Minimal Music bis zur herrlichen Musical-Duettschnulze alles dabei“. Außerdem wurden im Schulterschluss mit der Eutiner Festspiel-Intendantin Dominique Caron die Dialoge überarbeitet, sie werden mit elektronischen Klängen atmosphärisch und melodramatisch unterfüttert.

Die „Wolfsschlucht“ soll bei den Festspielen den Weber-Horizont mit einem „schaurig-schönen Theaterabend“ weiten und womöglich in kommenden Spielzeiten wieder aufgenommen werden. Erst mal ist aber nur der Uraufführungsabend geplant.

Leo Siberski hofft nun auf weitere Interessenten in der reichen deutschsprachigen Theaterlandschaft, damit sich der enorme Aufwand irgendwann ansatzweise lohnt. Erst mal aber schwärmt der umtriebige Dirigent und Komponist schon allein von einer „optimalen“ Sängerbesetzung für die Weberschen Originalpassagen.

Eutiner Festspiele: „Wolfsschlucht“. Uraufführung und vorerst einzige Präsentation der halbszenischen Freischütz-Collage am Sonnabend, 12. August, um 20 Uhr, auf der Seebühne. Karten unter T. 04521/800 10.

Internet: www.eutiner-festspiele.de Ein Trailer ist zu sehen unter http://bit.ly/2vEjEcI

Deutsche Volksoper „Der Freischütz“

Carl Maria von Weber (* 18. oder 19. November 1786 in Eutin, † 5. Juni 1826 in London) hat mit dem „Freischütz“ die erste deutsche Nationaloper geschaffen. Das Werk schloss die Kluft zwischen Hof- und Volkstheater. Große Arien („Nein, länger trag ich nicht die Qualen“) und schlichte Volkslieder („Wir winden dir den Jungfernkranz“) stehen nebeneinander. Zwischen 1821 und 1884 wurde das Singspiel allein in Berlin 500 Mal aufgeführt und verdrängte die italienische Oper.

 Christian Strehk

Voriger Artikel
Nächster Artikel