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Freitag Frank‘n‘Furter, Sonntag Brandt

Lübeck Freitag Frank‘n‘Furter, Sonntag Brandt

Andreas Hutzel brilliert als SPD-Politiker am Theater Lübeck. Ein Gespräch über Rollenwechsel und Liebesbeweise.

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Andreas Hutzel in „Willy Brandt — Die ersten 100 Jahre“: „Es geht mir um das Menschliche, die innere Tragödie, das Zögerliche, Melancholische“, sagt der Schauspieler.

Quelle: Fotos: Wulff, Roeßler, Maxwitat

Lübeck. Lübecker Nachrichten: Sie spielen in „Willy Brandt — Die ersten 100 Jahre“ die Titelrolle des SPD-Politikers. Und zwar so, dass einem Angst werden kann: Sprachduktus und Gestik stimmen genau, Sie verkörpern Brandt. Gehen Sie nach der Vorstellung als Andreas Hutzel oder als Willy Brandt nach Hause?

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Der König von Deutschland: Andreas Hutzel als Rio Reiser.

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Andreas Hutzel: Ich bin dann schnell wieder Hutzel. Die Stimmlage und die Körpersprache — das ist ja über die vielen Probewochen entstanden. Brandt war eher ein Brustkasten-Mensch, der sich mit Wucht durch die Welt schob. Das bin ich nicht, das musste ich mir erarbeiten. Es geht mir um das Menschliche, die innere Tragödie, das Zögerliche, Melancholische.

LN: Wie haben Sie sich auf die Rolle vorbereitet? Haben Sie alte Filme mit Brandt angeschaut?

Hutzel: Erst einmal habe ich die Reden studiert. Aus meiner Kindheit war mir in Erinnerung, dass Brandt im Fernsehen sein Sprechen mit den Händen akzentuierte. Als ich bei YouTube Aufnahmen fand, erkannte ich, dass die Gestik Brandts sehr reduziert war. Er macht nicht viel, das macht es schwer, ihn zu spielen. Ich habe dann Dokumentationen über seine Zeit im Exil, seine ganze Lebensgeschichte und seine Kanzlerschaft angeschaut. Dadurch bekam ich eine Ahnung von der Dimension dieses Mannes.

LN: Sie sind 1968 geboren und haben folglich von der Kanzlerschaft Brandts nicht viel mitbekommen. Was haben Sie für eine Erinnerung an den Politiker?

Hutzel: Für meinen Großvater war er noch der Vaterlandsverräter. Meinem Vater war Brandt immer noch zu rot, er hatte schwer zu schlucken, als die Ostpolitik den Eisernen Vorhang etwas lüftete.

Ich selbst erinnere mich noch, dass Brandt 1983 bei einer Friedensdemonstration in Bonn auftrat.

LN: Ist es für Sie ein Unterschied, ob Sie als Prinz Leonce, als Rio Reiser in „Der Kampf ums Paradies“ als Udo Lindenberg in „Liebe und Rebellion“ auf die Bühne gehen oder als Bundeskanzler Brandt?

Hutzel: Für eine rein literarische Figur wie Leonce in Büchners „Leonce und Lena“ gibt es auch Vorbilder — theatergeschichtliche Leuchttürme wie Klaus Maria Brandauer. Ansonsten aber sucht man gemeinsam mit dem Regisseur seinen eigenen Leonce. Was hat er heute zu sagen, was hat er mit mir zu tun? Der Unterschied zwischen den Figuren Rio Reiser und Brandt ist für mich, dass Rio mir kulturell näher ist. Eine Extremgestalt — es macht Spaß, in die Rolle hineinzuspringen. Brandt geht mit der Bürde des Staatsmannes durch die Welt, das muss man mitspielen. Mit dieser öffentlichen Person, mit der man eine ganze Epoche verbindet, sollte man vorsichtig umgehen. Man muss Brandt in der Spannung zwischen dem einsamen Menschen und dem Weltpolitiker halten.

LN: Sie müssen Brandt nicht nur spielen, sie müssen in Michael Wallners Stück auch noch singen. Wie schaffen Sie das?

Hutzel: Als diese Oper im zweiten Teil auf uns zukam, die von Willy Daum nicht ganz einfach komponiert wurde, haben wir alle geschluckt. Man musste sich die Musik Note für Note aneignen.

Ich versuche, in meiner eigenen Gesangsstimme zu intonieren und Anteile der Brandt-Stimme einzuflechten, so bleibt der Ausdruck einheitlich.

LN: Sie sind demnächst in „König Lear“ als Graf von Gloucester zu sehen — wieder eine völlig andere Rolle. Wie ist das, wenn man solch unterschiedliche Charaktere darstellen muss?

Hutzel: Das ist manchmal ganz schön hart — freitags Frank‘n‘Furter in der „Rocky Horror Show“, sonntags Willy Brandt.

LN: Befreien Sie sich von der jeweils vorigen Rolle?

Hutzel: Ich befreie mich nicht so leicht. Ich muss die neue Sprache wieder einüben. Vor jeder Aufführung, bei der ich Udo Lindenberg gebe, höre ich mir nochmals die Songs an. Bei „Leonce und Lena“ schaue ich in den Text.

LN: Müssen Sie eine Figur mögen, um sie spielen zu können?

Hutzel: Wenn ich bei realen Personen versuche, dem Original stimmlich und im ganzen Erscheinungsbild nahe zu kommen, dann ist das ein Liebesbeweis. Wenn ich den Stanley in „Endstation Sehnsucht“

spiele, versuche ich, ihn nicht nur als Gewaltmensch zu zeichnen. Es gibt da auch Verzweiflung und Zuneigung. Das ist mir wichtig.

LN: Sie spielten vor neun Jahren in der ZDF-Telenovela „Bianca — Wege zum Glück“ den Matthias Rüger. Warum ging das nicht weiter?

Hutzel: Das würde ich nicht zu hoch bewerten. „Bianca“ war eine nette Erfahrung, aber ich habe hier am Theater genug zu spielen. Ich bin froh, dass ich in diesem wunderbaren Ensemble immer wieder Neues, Spannendes zu tun bekomme.

Michael Berger, Theresa Szorek

Der Star des Lübecker Theaters
Andreas Hutzel wurde am 8. April 1968 in Schorndorf (Baden-Württemberg) geboren. In seiner Jugend beeindruckten ihn der Schnellredner Mathias Richling und dessen älterer Kabarett-Kollege Hanns-Dieter Hüsch. Nach seinem Zivildienst nahm er sein Schauspielstudium an der Hochschule der Künste in Berlin auf. Erste Engagements als Schauspieler führten Hutzel nach Heilbronn und Bielefeld. Seit der Spielzeit 2000/01 ist Andreas Hutzel festes Mitglied des Ensembles am Theater Lübeck. Hier spielte er zahlreiche große Rollen, den Faust in der Regie von Pit Holzwarth, den Nathan in der Regie von Andreas Nathusius, den Stelzfuß in Michael Wallners Inszenierung des Musicals „Black Rider“ sowie Adrian Leverkühn in Pit Holzwarths Inszenierung von „Doktor Faustus“. In Pit Holzwarths und Renato Grünigs Musik-Stück „Rio Reiser — Der Kampf ums Paradies“ spielt er die Titelfigur und singt die Lieder des Frontmanns der Rockgruppe Ton Steine Scherben sehr überzeugend.


„Willy Brandt — Die ersten 100 Jahre“: heute, 18 Uhr, So, 13. 10., 18 Uhr

Interview:

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