Volltextsuche über das Angebot:

23 ° / 16 ° Gewitter

Navigation:
„Für Nazi-Relikte sind wir der Kampfmittelräumdienst“

Interview „Für Nazi-Relikte sind wir der Kampfmittelräumdienst“

Drei Jahre lang hat sich der Historiker Christian Hartmann am Institut für Zeitgeschichte durch Hitlers „Mein Kampf“ gearbeitet. Er glaubt, dass die kommentierte Neuausgabe jetzt zur richtigen Zeit erscheint.

Das Buch war nie weg: Arndt Schnoor, Mitarbeiter der Lübecker Stadtbibliothek, mit einem historischen Exemplar von „Mein Kampf“.

Quelle: Maxwitat

München. Seit zwei Jahrzehnten arbeitet Christian Hartmann (56) als Historiker am Institut für Zeitgeschichte (IfZ) in München. Jetzt hat er sein größtes Projekt abgeschlossen: Anfang Januar erscheint eine kommentierte Neuausgabe von Adolf Hitlers „Mein Kampf“.

LN: Hat Sie die große Aufmerksamkeit, die Ihr „Mein Kampf“-Projekt jetzt erfährt, tatsächlich so überrascht?

Christian Hartmann: In dieser Dimension schon, ja. Klar, es ist ein Symbol und es hat auch eine internationale Relevanz. Es gibt viele deutsche Familien, in denen das Buch noch da ist und die sich daran erinnern. Es ist natürlich ein öffentliches Thema. Aber das schlägt schon alle Rekorde.

LN: Warum ist das so?

Hartmann:  „Mein Kampf“ ist ein Relikt aus dem Dritten Reich, das eigentlich seit 1945 bei uns in der Landschaft liegt, und die deutsche Gesellschaft hat sich da noch nicht herangetraut. Außerdem bildet das Buch nun mal den Kern der nationalsozialistischen Ideologie.

LN: Hätten Sie gewusst, welche Welle da auf Sie zurollt — wären Sie trotzdem genau so an das Projekt rangegangen?

Hartmann:  Ja, natürlich. Das ist — auch wenn es etwas pathetisch klingt — die Verantwortung des Historikers. Das Wort Vergangenheitsbewältigung ist unendlich abgegriffen, aber natürlich geht es im Kern genau darum. Ich vergleiche unsere Arbeit mit der des Kampfmittelräumdienstes. Wir sind auch eine Art Kampfmittelräumdienst, der Relikte aus der Nazi-Zeit unschädlich macht.

LN: Wie viel Arbeit hat „Mein Kampf“ Ihnen gemacht?

Hartmann:  Sehr viel, sehr, sehr viel. So ein irres Gebräu zu widerlegen, das ist schwierig. Man ist es in wissenschaftlichen Diskursen ja gewohnt, auf Augenhöhe zu argumentieren, in diesem Fall war es aber so, dass man sich mit völlig abstrusen Vorstellungen auseinandersetzen muss. Das Grundproblem war, dass Hitler von einem ganz anderen Weltbild ausgeht. Wir mussten im Grunde beweisen, dass die Erde nicht flach ist.

LN: Können Sie eine solche Widerlegung an einem Beispiel erläutern?

Hartmann:  Am Thema Kriegsveteranen zum Beispiel: Hitler klagt in „Mein Kampf“, dass die Republik sich nicht um sie sorgt. Als die Nationalsozialisten an der Macht sind, werden im Rahmen der sogenannten Euthanasie etwa 4000 bis 5000 deutsche Kriegsveteranen, die dauerhaft in den Psychiatrien sitzen, ermordet. Bei dem ganzen Komplex des Antisemitismus wird es grundlegender. Da muss man bei dem Grundsatz der Gleichwertigkeit von Menschen ansetzen. Man muss also sehr weit ausholen.

LN: Wie würden Sie Hitler als Schriftsteller einordnen?

Hartmann:  „Mein Kampf“ ist schon der radikalste Teil in diesem rechtsradikalen Spektrum, das zu der Zeit damals unterschiedliche Ausprägungen hatte. „Mein Kampf“ ist auch der Versuch, den Führungsanspruch in diesem Milieu zu formulieren. Ernst Jünger hat die Sache mal sehr klug auf einen Punkt gebracht und gesagt, dass unter all den Spielarten das Platteste und Niederträchtigste die Oberhand gewonnen habe. Trotzdem ist das Buch vor allem eine Synthese, eine Collage aus Ideen, die damals kursierten.

LN: Die Politikwissenschaftlerin Barbara Zehnpfennig sagte, man mache sich in Deutschland heute so gerne über Hitler und „Mein Kampf“ lustig, weil man Angst habe, darin etwas zu finden, was auch in einem selbst schlummert. Ist es Ihnen bei der Arbeit an dem Buch jemals so gegangen?

Hartmann:  Man soll „Mein Kampf“ nicht unterschätzen. Da sind schon immer wieder einzelne kluge Beobachtungen drin. Hitler ist dann — auch aus heutiger Sicht — politisch am wirkungsvollsten, wenn er die herrschenden politischen Verhältnisse kritisiert. In seiner Kritik am deutschen Kaiserreich hat er Einiges schon sehr genau wahrgenommen. Am schwächsten ist er, wenn er versucht, sich die Aura des Philosophen und Welterklärers zu geben. Grauenhaft!

LN: Heute brennen in Deutschland regelmäßig Flüchtlingsheime. Kommt die Auseinandersetzung mit „Mein Kampf“ zu einer schwierigen oder genau zur richtigen Zeit?

Hartmann:  Zur richtigen. Das Buch ist ja schon lange da. Faktisch konnte man ja immer irgendwie an dieses Buch herankommen. Es ist im Antiquariat zu haben, im Internet. Die englischen Übersetzungsrechte wurden schon 1933 verkauft, es ist in vielen Sprachen vorhanden. In der „Jüdischen Allgemeinen“ habe ich gelesen, dass „Mein Kampf“ aus dem Giftschrank in der Nationalbibliothek in Berlin ganze zweimal im Jahr angefragt wird. Das wirft doch ein Licht auf die gängige Praxis: Wer das Buch lesen will, kauft es sich, oder es wird im Internet angeschaut. Jetzt haben wir endlich mal eine kritische Referenzausgabe, die möglicherweise auch international wirkt.

LN: Gibt es Pläne, das komplette Projekt zu übersetzen?

Hartmann:  Wir haben wirklich überraschend viele Anfragen und viele sagen vollmundig, dass sie das Ding mit seinen 27 Kapiteln und 1950 Seiten und den vielen, vielen kleinen Fußnötchen übersetzen wollen. Da kann ich nur sagen: Glück auf. Das ist sehr viel Arbeit. Wir müssen da einfach mal sehen, was die Zukunft bringt — und auch, wer ab dem 1. Januar noch auf den Markt drängt.

LN: Sind Sie erleichtert, dass Sie Hitlers Mist jetzt nicht mehr lesen müssen?

Hartmann:  Ja, natürlich. Man kann seine Lebenszeit auch mit besserer Literatur verbringen. Ich hab jetzt von Hitler schon auch die Nase voll.

Interview: Britta Schultejan

Voriger Artikel
Nächster Artikel