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19:12 19.10.2016

Was sind das für Menschen, die auf Demonstrationen „Merkel an den Galgen“ schreien? „Menschen wie Sie und ich“, versichert der Kasseler Sozialpsychologe Ernst-Dieter Lantermann, „ein Gefühl moralischer Überlegenheit wäre unangebracht.“ Sein neues Buch „Die radikalisierte Gesellschaft“ stellte er Dienstagabend im Theater Lübeck vor.

Ernst-Dieter Lantermann

Die Zustandsbeschreibung, die der Autor darin gibt, geht alle an: „Die Welt erscheint den meisten heute weniger kontrollierbar und ungewisser, gefährlicher und unübersichtlicher geworden zu sein gegenüber Zeiten, als es der politischen und ökonomischen Elite noch gelang, einer nach Sicherheit strebenden Gesellschaft ein beruhigendes Bild der Beherrschbarkeit gegenwärtiger und und künftiger Herausforderungen zu vermitteln.“ Nicht für alle Menschen sei Unsicherheit aber gleich gut auszuhalten. Die Folge: eine zunehmende Radikalisierung und Fanatisierung nicht nur am rechten Rand und nicht auf gesellschaftliche Verlierer beschränkt.

Lantermann, Jahrgang 1945 , nennt so unterschiedliche Gruppen wie Pegida-Anhänger, Fremdenhasser, fanatische Veganer und Selbstoptimierer praktisch in einem Atemzug. Das mag im ersten Moment überraschen, folgt aber seiner Logik. Denn seiner Überzeugung nach gibt es eine Gemeinsamkeit: Radikalisierung und Fanatisierung dienten – vereinfacht gesagt – dazu, ein ramponiertes inneres Gleichgewicht, ein beschädigtes Selbstwertgefühl wiederherzustellen. Wer ein klares Feindbild habe, für den sei die Welt wieder übersichtlich und verstehbar.

„Die radikalisierte Gesellschaft“ ist an ein breites Publikum gerichtet. Da es in Aussicht stellt, eine unverstehbar gewordene Welt wenigstens ein bisschen besser zu begreifen, überrascht es niemanden, dass es großen Widerhall findet – außer vielleicht den Autor selbst. Mit einem derartigen Erfolg habe er nicht gerechnet, sagte Lantermann. Er reise nun von Ort zu Ort, um über das Buch zu diskutieren.

Das Theater Lübeck hatte die Einladung an ihn anlässlich der „Blechtrommel“-Inszenierung ausgesprochen. Parallelen zwischen den Kleinbürgern im Roman, ihrem Denken und ihrer Entwicklung und der Jetzt-Zeit sind ja auch nicht schwer zu finden.

liz

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