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Kultur im Norden Gar nicht märchenhaft
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19:12 14.11.2017
Wie der Vater, so der Sohn: Die Thriller-Autoren Owen (l.) und Stephen King. Quelle: Foto: A. Stawiarz/getty Images

Dieses Buch macht müde. Nicht nur, weil es um das Einschlafen geht (das mag eine Rolle spielen). Nein, es macht müde, weil es so unendlich lang ist, weil es von einer Unzahl von Personen bevölkert ist, die sich teilweise spurlos in nichts auflösen. Und es macht müde, weil man sich als Leser immer wieder dieselbe Frage stellt: Was soll das Ganze eigentlich?

Eingesponnen, nicht von Rosen, sondern in einen Kokon, werden die Frauen im aktuellen Thriller von Stephen und Owen King. Das ist alles andere als märchenhafter Stoff. Quelle: Foto: Fotolia

Dabei gibt es zumindest auf den ersten Blick einige Antworten auf die Frage, was die beiden Autoren bewegt hat. Sie schildern eine Welt, in der alle Frauen vom Säugling bis zur Greisin plötzlich einschlafen und auf ihren Gesichtern einen weißen flauschigen Kokon entwickeln. Das klingt bis zu diesem Punkt seltsam, aber eher ungefährlich für Leib und Leben. Ist es aber nicht, denn wenn ein Mann versucht, den Kokon zu öffnen, erwachen die Frauen plötzlich und gehen mit der Kraft eines Zombies auf den Störenfried los. Das ist für die Kings die Möglichkeit, Blut spritzen zu lassen, aber Metzeleien sind nicht der wirkliche Inhalt von „Sleeping Beauties“.

Angesiedelt ist die Geschichte in einem Städtchen in West Virginia am Rande der Appalachen. Eine verarmte Gegend, die früher recht und schlecht vom Kohlebergbau lebte, der aber mittlerweile eingestellt ist. Größter Arbeitgeber ist ein Frauengefängnis, ansonsten herrscht Tristesse pur. Und so kommen wir auf die Spur dessen, was Vater und Sohn King wirklich im Sinne haben. Sie schildern das Milieu, in dem Donald Trump seine Wähler gefunden hat, mit fast schon schmerzender Genauigkeit. Sie zeichnen das Porträt einer gleich auf mehreren Ebenen zutiefst gespaltenen Gesellschaft. Denn es geht nicht nur um arm oder reich, es geht vor allem um Mann und Frau.

Diese Dornröschen-Geschichte bietet auch einen Eindruck davon, wie miserabel es in den USA mittlerweile um Rechte und Würde der Frauen bestellt ist. In einem Land, in dem der Präsident Frauen als „Schlampen“ tituliert, in dem Fälle sexueller Übergriffe immer häufiger publik werden, in dem dank Präsident Trump der Grobianismus zur Alltagssprache wird, darf man sich nicht darüber wundern, wenn Schriftsteller auf die Idee kommen, das Trump-Country West Virginia zur Wohnstatt des Leibhaftigen zu machen. Dieses Land bietet den wahren Horror im Roman „Sleeping Beauties“.

Denn die auf sich allein gestellten Männer sind alles andere als friedlich. Die Gewalt nimmt zu, auf internationaler Ebene brechen Kriege aus, der mäßigende Einfluss der Frauen fehlt in dieser neuen Welt. Radikale Organisationen bilden sich, die die schlafenden Frauen verbrennen, mittelalterliches Denken findet sich auch in fundamentalistischen Christengemeinschaften, die an die Macht drängen.

Bis hierhin also ein eminent politisches Buch, aber bei King & Sohn geht es natürlich nicht ganz ohne märchenhaften Mummenschanz. Denn es gibt eine wunderschöne Frau, die plötzlich auftaucht und ganz normal schlafen und wieder erwachen kann. Der erfahrene King-Leser weiß, dass diese Frau die entscheidende Rolle im Geschehen spielt. Wie sie das tut, wird hier allerdings nicht verraten. Nur so viel: Es gibt ein vergiftetes Happyend. Ein interessanter Plot, einige interessante Charaktere, eine glasklare politische Aussage und dazu noch eine Zukunftsversion, die einen erschaudern lässt: Das sind eigentlich die Zutaten für einen wirklich guten King-Roman. Der größte Nachteil von „Sleeping Beauties“ aber ist die ausufernde Länge. Sie macht das Buch ermüdend.

„Sleeping Beauties“ von Stephen und Owen King, Heyne, 960 Seiten, 28 Euro.

Die Kingsmen

„Sleeping Beauties“, der neue King, ist seit Beginn dieser Woche im Buchhandel und das erste Gemeinschaftswerk des 70-jährigen Stephen King mit seinem jüngsten Sohn (40).

Owen Kings erster Roman „Double Feature“ erschien 2014, wurde bislang aber noch nicht ins Deutsche übersetzt.

Vater King ist seinem Sohn um einiges voraus und zählt mit 54 Romanen, gut 200 Kurzgeschichten und mehr als 350 Millionen verkauften Büchern zu den weltweit erfolgreichsten Autoren. Viele seiner Horror-Thriller wie „Shining“, „Carrie“ und „Es“ wurden erfolgreich verfilmt.

„Es war wie Tennis“, beschreibt Stephen King im „Spiegel“-Interview die Vater-Sohn-Kooperation. „Ich schlug den Ball zu ihm rüber, und er schlug ihn zu mir zurück.“

Jürgen Feldhoff

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