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Kultur im Norden Gefällige und gefährliche Töne
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13:02 27.06.2017
Schauspieler Gustav Peter Wöhler gab den Erzähler beim Familienkonzert „Die Bremer Stadtmusikanten“ – und wurde zum Zentrum der Geschichte von den vier tierischen Musikern, die eine Räuberbande überfallen.
Niendorf/Ostsee

Am Ende steht eine Allstar-Band auf der Bühne, also Esel, Hund, Katze, Hahn und die Räuber dazu. Das ist zwar kein Märchen, wie es im Buche steht, aber dafür eine reine Freude. Das kommt eben dabei heraus, wenn man Nils Landgren und seiner Frau Beatrice Järås eine Geschichte zur Bearbeitung überlässt.

Landgren hat die „Bremer Stadtmusikanten“ für Jazz Baltica vertont, auf die Bühne bringt er sie beim Familienkonzert in der Evers- Werft mit einem ganzen Schwung Musiker. Eva Kruse (Bass), Eva Klesse (Schlagzeug) und Arne Jansen (Gitarre) bilden die Band, zu der sich nach und nach das Grimm’sche Personal gesellt: Shannon Mowday gibt am Bariton-Saxofon einen traurigen Hund, Hildegunn Øiseth am Flügelhorn eine noch traurigere Katze, Nicole Johänntgen am Sopransaxofon einen 1a zuckenden Hahn und Landgren selbst an der Posaune den Esel.

Vor allem aber gibt der Schauspieler Gustav Peter Wöhler den Erzähler, und das nach allen Regeln der Kunst. Er singt und spielt, er zetert und jammert. Er ist im Blues zu Hause und im Scat-Gesang. Er rennt über die Bühne und wird zum virtuosen Zentrum der Geschichte, während Landgren musikalisch die Dinge beieinander hält. Der Mann mit der roten Posaune führt unaufdringlich Regie, lässt allen Raum für Soli, der Überfall aufs Räuberhaus wird zu einer schönen Kakophonie und das Finale zum großen Spaß einer kleinen groovenden Bigband, die erst nach einer Zugabe von der Bühne gelassen wird.

Studnitzkys Orchesterklänge und Tabatabais Chansons

Am Sonntagnachmittag dann Kammermusik – mit dem schwedischen Pianisten Martin Tingvall, der im Trio angereist war. Ein eher kontemplatives Konzert. Danach zieht der Trompeter und Pianist Sebastian Studnitzky mit seinen Musikern in Bigbandstärke ein. Zur Formation gehören eine Streichergruppe (Geigen, Bratsche, Cello, Bass) sowie Oboe, Klarinette, Fagott, Flöte, Waldhorn.

Diese Sektionen sind mit Musikern des Schleswig-Holstein Musik Festival Orchesters besetzt. Das ergibt einen warmen, runden Sound. Studnitzky leitet seine Kompositionen oft am Klavier ein, greift später zur Trompete. Er kündigt zum Schluss eine blaue Geige an. Die entpuppt sich als rote Posaune. Nils Landgren lässt es sich eben nicht nehmen, immer wieder selber ein paar Töne beizusteuern, was zur familiären Atmosphäre des Festes beiträgt.

Die Schauspielerin und Sängerin Jasmin Tabatabai setzt ein Motto über ihren Auftritt mit dem David-Klein-Quartett, eine Frage, nämlich: „Was sagt man zu den Menschen, wenn man traurig ist?“ Vor vier Jahren konnte sie nicht bei Jazz Baltica antreten. Die Geburt ihres Sohnes stand bevor. Nun also ist sie dabei, kommt mit Songs nach Texten von Kurt Tucholsky oder vom bitterbösen Wiener Meister Georg Kreisler. Was der Kopf ihrer Band, der Schweizer Saxofonist David Klein, für sie schreibt, zielt in Richtung improvisierter Musik. So pendelte die Deutsch-Iranerin zwischen den Welten, zwischen Jazz und Chanson. Von manchen wird sie inzwischen mit der Knef verglichen. Das trifft es ganz gut, denn Jasmin Tabatabai tritt nicht als Gesangsstar an, allenfalls als Ausdruckssängerin. Dass dazu der eine oder andere kritische Satz zur Lage der Nationen fällt, gehört bei ihr ebenfalls dazu.

Pippi Langstrumpf und vier Musiker im Rausch der Töne

Am Abend zuvor gibt der schwedische Pianist Jan Lundgren dem Publikum Rätsel auf. Er nennt sein Programm „Tribute to Jan Johansson“, und dieser Johannson hat in seinem kurzen Leben (1931-1968) schwedische und russische Volkslieder ins Jazz-Idiom übersetzt. So etwas spielt nun auch Lundgren gemeinsam mit einem Bassisten und einem Streichquartett – sehr gefällig, er könnte solche Stücke auch sonntags in der Konzertmuschel eines Kurparks bieten. Es sind eigene Arrangements, die von dem Vorbild wenig ahnen lassen. Erst zum Schluss führt Lundgren eine originäre Johansson-Komposition auf, allerdings in einer sehr elaborierten Version: „Hey Pippi Langstrumpf“, Titellied der Fernsehserie. Da stimmen die geburtenstarken Jahrgänge im Publikum immer wieder mit ein.

Als gar nicht harmlos erwies sich das neue Projekt des Pianisten Michael Wollny. Von Nils Landgren als „Superstars“ angekündigt, macht sich Wollny gemeinsam mit den Franzosen Vincent Peirani, (Akkordeon) und Emile Parisien (Sopransaxofon) sowie dem Sänger Andreas Schaerer aus der Schweiz auf eine riskante Reise. Schaerer, der sich bewegt wie Rumpelstilzchen, singt in einer Fantasiesprache. Ach was, er singt nicht nur, er beherrscht das Kunststück, einen Rhythmus zu schnalzen und zu klicken und gleichzeitig eine Melodie zu intonieren. Er erweckt einen nächtlichen Wald und dazu noch eine Großstadt zum Leben.

Wollny absolviert einen Tap Dance auf der Tastatur, macht sich an den Saiten zu schaffen und improvisiert doch hochmelodiös. Saxofonist Parisien erzählt beredt seine eigene Geschichte, die das Akkordeon in maximaler Intensität unterfüttert. Die vier Erzmusikanten spielen sich in einen infernalischen Rausch, an dem das Publikum dankbar teilhaben darf. Wer’s nicht miterlebt hat, ist zu bedauern.

Rekord: 14000 Besucher beim Jazz-Festival in Niendorf/Ostsee

Die Hallen waren voll, und auch an der Open-Air-Bühne am Hafen drängten sich hunderte Zuhörer – vor allem, als die stimmgewaltige Miu samt Background- Sängerinnen und Bläsersatz am Sonnabend das Gelände beschallte. 14000 Besucher zählte die Festivalleitung an drei Jazz-Baltica-Tagen und dem „upptakt“ am vergangenen Donnerstag.

Nils Landgren, künstlerischer Leiter von Jazz Baltica, erklärte gestern: „Es ist uns gelungen, einen neuen Besucherrekord aufzustellen – ein fulminanter Abschied von Niendorf.“ Er freue sich nun auf 2018, wenn vom 22. bis 24 Juni Jazz Baltica auf dem neuen Festivalgelände rund um den Kurpark in Timmendorfer Strand, im Maritim-Hotel und am Strand stattfinden werde.

Nachschlag: Trompeter Till Brönner wird im Rahmen des SHMF am 4. Juli noch zu einem Sonderkonzert in der Lübecker Musik- und Kongresshalle kommen. Sein Programm „The Good Life“

widmet sich dem Great American Songbook.

 Int, Kd, Mib

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