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Kultur im Norden Gegen das Vergessen
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18:19 12.06.2018
Das kulturelle Gedächtnis ist das zentrale Thema der Erinnerungsforscherin und Ägyptologin Aleida Assmann, diejetzt für die gemeinsame Arbeit mit ihrem Mann Jan Assmann ausgezeichnet wurde. Quelle: Foto: Patrick Seeger/dpa

Die Ägyptologie wird gerne als „Orchideenfach“ belächelt. Doch Aleida und Jan Assmann haben Leben und Totenkult der alten Ägypter studiert – und für die heutige Welt fruchtbar gemacht. Die Hochkultur am Nil schuf einst monumentale Denkmäler gegen das Vergessenwerden. Das 71 und 79 Jahre alte Ehepaar Assmann hat das Thema Erinnerung ebenfalls zur Grundlage seiner Forschungen gemacht.

International gehören die beiden Gelehrten, die in Konstanz wohnen, zu den bekanntesten deutschen Geisteswissenschaftlern.

Jetzt erhalten sie zusammen den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Nach Ansicht des Stiftungsrats hat das Paar ein zweistimmiges Werk geschaffen, „das für die zeitgenössischen Debatten und im Besonderen für ein friedliches Zusammenleben auf der Welt von großer Bedeutung ist“. Aleida Assmanns Arbeiten zum kulturellen Gedächtnis ist es mitzuverdanken, dass Deutschland heute eine Erinnerungskultur hat, die als beispielhaft gilt. Dies versteht die Literaturwissenschaftlerin auch als Antwort auf den Holocaust. Nach dem „Historikerstreit“ von 1986, bei dem es um die Frage der Einzigartigkeit des Genozids an den Juden ging, hat sich das Ehepaar maßgeblich für den Bau des Holocaust-Mahnmals in Berlin eingesetzt.

Angesichts der aktuellen Flüchtlingsdebatte plädiert Aleida Assmann in ihrem jüngsten Buch „Menschenrechte und Menschenpflichten“ (2017) für einen neuen Gesellschaftsvertrag. Darin müssten die Menschenrechte, Werte wie Empathie und Solidarität sowie ein Kanon von Regeln für ein faires und respektvolles Zusammenleben von Einheimischen und Zugewanderten maßgeblich sein.

Jan Assmann, der in Lübeck aufgewachsen ist und bis zur Emeritierung 2003 Professor für Ägyptologie an der Universität Heidelberg war, hat mit seinen religionswissenschaftlichen Arbeiten und Büchern und seinen Thesen zum Monotheismus für Furore gesorgt. Anders als bei den alten Ägyptern wurde im messianisch-heilsgeschichtlichen Glauben an den einen strengen Gott in dessen Namen gemordet. Mit der Problematisierung des Zusammenhangs von (monotheistischer) Religion und Gewalt hat Assmann eine heftige Debatte in der Wissenschaft losgetreten. Assmann hat dabei deutlich gemacht, dass er den Monotheismus nicht verdamme, sondern sich gegen religiös-dogmatischen Fundamentalismus wende.

Wohl selten ist bei Wissenschaftlern die Arbeit so eng miteinander verwoben wie bei den Assmanns. Die beiden Gelehrten sprechen inzwischen sogar auch in gemeinsamen Interviews nur noch mit einer Stimme. Dabei melden sie sich immer wieder zu den Themen der Erinnerungskultur zu Wort, die sie angesichts des politischen Wandels mit dem Einzug der Rechtspopulisten in den Bundestag bedroht sehen.

Rechenschaft und Verantwortung für die eigene Geschichte halten sie für unerlässlich. „Wir dürfen nicht in die alte Rhetorik von Ehre und Schande zurückfallen“, sagte Alida Assmann im Februar der „Süddeutschen Zeitung“ – zu Björn Höcke befragt. Der hatte in einer Rede in Dresden unter anderem mit Blick auf das Holocaust-Mahnmal in Berlin gesagt: „Wir Deutschen, also unser Volk, sind das einzige Volk der Welt, das sich ein Denkmal der Schande in das Herz seiner Hauptstadt gepflanzt hat.“

Vielleicht noch gefährlicher als die AfD ist für Aleida Assmann aber das mögliche Versiegen der „Ressource Erinnerungskultur“. Für die 68er-Generation, denen sich die Assmanns zugehörig fühlen, sei das Holocaust-Gedenken so etwas wie eine historische Mission gewesen. „Ich frage mich, was bleiben wird, wenn sie einmal nicht mehr ist.“ Der Friedenspreis an das Ehepaar soll auch deshalb ein Zeichen setzen. Gegen Geschichtsvergessenheit und für Erinnerungskultur, wie es der Stiftungsrat deutlich macht.

Assmann kommentiert „Joseph und seine Brüder“

Thomas Manns vierbändiger Roman „Joseph und seine Brüder“, ein jüdisch-griechisch-ägyptisches Familienepos, ist jetzt erstmals von Jan Assmann, Dieter Borchmeyer und Stephan Stachorski (unter Mitwirkung von Peter Huber) umfassend kommentiert worden. Die detaillierten Anmerkungen dokumentieren das umfangreich überlieferte Archivmaterial wie Manuskripte, Notizen und andere Dokumente und erschließen auch kulturgeschichtliche Quellen, die Thomas Mann als Grundlage und Anregung dienten. Alleine die ausführlich dokumentierte Rezeptionsgeschichte vor und nach dem Krieg des mehrbändigen und zwischen 1933 und 1943 erschienenen Romans ist im Grunde genommen ein eigenes neues Buch, das Dank der jahrelangen Recherchearbeit der Autoren für jeden Literaturliebhaber eine aufregende Lektüre ist. Dabei gehen sie nicht nur detailliert auf die unterschiedlichen Reaktionen auf die einzelnen Bände im Laufe der Jahre ihres Erscheinens ein, zunächst noch in Hitler-Deutschland und später im Ausland bis nach Amerika, sondern sie entfalten „ganz nebenbei“ auch ein Panorama der Kultur-, Politik- und Gesellschaftsgeschichte der damaligen Zeit einschließlich des Exils und des Zweiten Weltkriegs.

Dabei wird auch die Obsession des Nobelpreisträgers deutlich, sein opus magnum den wechselhaft-stürmischen Zeitumständen abzutrotzen; er will nach eigenen Worten „nichts als vollenden – wie's mit dem Krieg auch gehen möge“, wie er 1942 notiert. Manche Kritiker sahen im „Joseph“-Roman „eine der kühnsten literarischen Unternehmungen, die je unternommen wurden“.

Thomas Mann: Joseph und seine Brüder (I und II), kommentiert und neu herausgegeben von Jan Assmann, Dieter Borchmeyer, Stephan Stachorski, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, zwei Kassetten mit insgesamt vier Bänden, mit Text und Kommentar, 1660 Seiten, 85 Euro.

Thomas Maier

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