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Kultur im Norden Geigerin Isabelle Faust – die bewegte Frau
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20:21 13.07.2016

Was hat das Wort „Reliefpfeiler“ mit einem Haydn-Konzert in der Reithalle von Wotersen zu tun? Den „Reliefpfeiler“ kann man von vorne und von hinten lesen, und Ähnliches gibt es auch in der Musik – ein sogenanntes Palindrom ist das Menuett in der Sinfonie G-Dur Nr. 47. von Joseph Haydn, der gerne mal kleine Überraschungen in seinen Kompositionen versteckte.

Er notierte übrigens nur die Vorwärtsvariante, seine Musiker mussten die Noten im zweiten Teil von hinten nach vorne lesen.

Diese Hürde musste das Mailänder Ensemble „Il Giardino Armonico“ am Dienstagabend in der Reithalle Wotersen nicht meistern. Die 18 Musiker gelten als Experten für die Musik des 17. und 18.

Jahrhunderts. Neben der Sinfonie Nr. 47 standen Haydns Konzert für Violine und Orchester G-Dur und seine Sinfonie A-Dur Nr. 64 („Tempora Mutantur“) sowie Mozarts Konzert für Violine und Orchester G-Dur auf dem Programm.

Schwungvoll und mit Eleganz dirigierte Giovanni Antonini das Ensemble, das er 1985 mitgegründet hat und das nicht nur musikalisch, sondern auch körperlich eine besondere Dynamik ausstrahlte – die Streicher saßen nicht, sondern standen auf der Bühne.

Wie sehr allerdings Klang und Körper verschmelzen können, zeigte Solo-Violinistin Isabelle Faust. In ihrem farbig gestreiften Poncho wirbelte sie vor den schwarz gekleideten Orchestermusikern, jede Tonfolge spiegelte sich in ihrer Mimik und ihrer Gestik, zwischendurch suchte sie immer wieder charmanten Augenkontakt zum Dirigenten und zum ersten Geiger.

Ein Genuss, dieser Frau mit ihrer „Dornröschen-Stradivari“ von 1704 bei der Arbeit zuzuschauen. Und natürlich zuzuhören. „Ihr Klang hat Leidenschaft, er hat Biss und er elektrisiert, aber er ist auch von einer entwaffnenden Wärme und Süße“, schrieb die „New York Times“. Die 1972 in Esslingen geborene Preisträgerin des Leopold-Mozart-Wettbewerbs in Augsburg und des Paganini-Wettbewerbs in Genua musizierte bereits in jungen Jahren mit bedeutenden Orchestern, hat zahlreiche CDs eingespielt und Preise eingeheimst – doch ihre Spielfreude wirkt immer noch unmittelbar und übertrug sich in Wotersen auf die Musiker und das Publikum. Das war entzückt und ließ die Musiker am späten Abend erst nach mehreren Zugaben gehen.

Reliefpfeiler gibt es in der ehemaligen Reithalle übrigens nicht.

Petra Haase

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