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Geisterstunde lange vor Mitternacht

Hamburg Geisterstunde lange vor Mitternacht

Eine glitzernde Königin der Nacht mit turmartig hochtoupiertem Haar schreitet gravitätisch durch den Malersaal.

Hamburg. Eine glitzernde Königin der Nacht mit turmartig hochtoupiertem Haar schreitet gravitätisch durch den Malersaal. Die singende und rezitierende Dame ist nicht die einzige seltsame Gestalt, die in und vor der zweiten Spielstätte im Schauspielhaus herumspukt. Eine gespensterhafte weiße Frau ist zu sehen, exotische Figuren wie aus einem Fantasy-Film erscheinen, eine Gruppe von Rollschuhfahrerinnen saust wie im Flug vorbei, und ein in eine Schere verwandelter Mensch trottet wie fremdgesteuert vorüber. Geisterstunde vor Mitternacht.

 

LN-Bild

Ein Scherenwesen auf der Theaterbühne.

Quelle: Markus Scholz

Was hier in einer Performance im Malersaal beschworen wird, ist der Geist der Rebellion mit dem Mittel der Phantasie. Genauer gesagt ist es der Spirit der Aufsässigkeit, der speziell Hamburgs linksalternative Szene auszeichnen soll. Ein weites Feld, markiert durch Schlagworte wie Rote Flora oder Schanzenviertel, in dem sich kaum einer besser auskennt als Schorsch Kamerun, der nun Regie führt in der von wenigen Schauspielhaus-Darstellern und sehr vielen Szene-Akteuren bestrittenen Produktion „Die disparate Stadt“. „Disparat“ meint hier nichts anderes als „abgesondert“, und abgetrennt von der bürgerlichen Normalität sind die soziokulturellen Biotope in der Hansestadt allemal. Bedroht sind die Reservate der politischen und kulturellen Widerspenstigkeit trotzdem — nicht zuletzt durch die Vermarktung für touristische Zwecke.

Dem müsse etwas entgegengesetzt werden, dachte sich wohl der in Timmendorfer Strand als Thomas Sehl geborene Kamerun (52), der seine Inszenierung als kaleidoskopisch aufgefächerte Hommage an die Hamburg-spezifische Widersetzlichkeit konzipiert hat — beginnend bei der die Nazis provozierenden Swing-Jugend und endend bei den heutigen Initiativen gegen Gentrifizierung und für Asylgewährung.

Kamerun, als Autor, Musiker und Regisseur längst arriviert, spielt dabei den singenden und sprechenden Zeremonienmeister einer oft das Dadaistische streifenden Performance, die zeitgleich im Malersaal und in den Räumen darum herum stattfindet und von den frei sich bewegenden Zuschauern gleichsam erwandert werden muss — wobei die an vielen Stellen postierten Video-Schirme es ermöglichen, die an verschiedenen Schauplätzen live gefilmten Aktionen überall simultan mitzuerleben.

Was man da direkt oder indirekt sieht und hört, lässt bald Zweifel daran aufkommen, ob das, was rebellisch gemeint ist, wirklich rebellisch ist. Eher hat man den Eindruck, dass die Alternativszene nicht ungestraft davonkommt. Die vereinten Kiez-Kräfte reichen nicht aus, um eine scharfkantige Show des phantasievollen Widerstands zu kreieren. Symptomatisch eine Aktion im zentralen Malersaal, wo auf dem Boden liegende Paletten von Helfern solange scheinbar planlos hin- und hergetragen werden, bis aus den disparaten Einzelteilen eine geschlossene Form entstanden ist. Aus dem Chaos erwächst Gestalt, aus der Anarchie Ordnung. Immerhin: Die Besucher dürfen die Höhe des Eintrittsgeldes jeweils selbst bestimmen. Und das ist dann doch richtig alternativ. Hermann Hofer

Nächste Vorstellungen: 8. und 9. März, 20 Uhr. Karten: (040) 24 87 13.

LN

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