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Kultur im Norden Gekommen – um zu bleiben
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21:12 14.08.2017
Die Begegnung: Angela Merkel versuchte vor zwei Jahren, die weinende Reem Sahwil vor Fernsehkameras zu trösten.

„Ich wollte nicht weg von hier“, schreibt Reem Sahwil in ihrer Autobiografie. Ein Satz, der die kindliche Erinnerung von „Merkels Flüchtlingsmädchen“ aus Rostock an das Flüchtlingslager Wavel in Ost-Libanon zusammenfasst. Vor allem wohl aber an die Menschen dort. „Hier in Wavel kannte ich alles, hier hatte ich meine Familie, die mir bei allem half, meine Freundin Jana, die mich unterstützte“, schreibt die heute 16-Jährige in ihrem kleinen Buch, das gestern erschienen ist. Reem Sahwil berichtet darin über ihr bisheriges Leben, es ist die Geschichte einer palästinensischen Familie ohne Heimat.

Die Begegnung mit Angela Merkel machte das Flüchtlingskind Reem Sahwil berühmt. Nun hat die 16-Jährige ein Buch über ihr Leben verfasst.

Öffentlich bekannt wurde die damals 14-Jährige durch die Begegnung mit Bundeskanzlerin Angela Merkel im Juli 2015 in Rostock beim Bürgerdialog „Gut leben in Deutschland“. Vor laufender Kamera schilderte die junge Palästinenserin ihre Angst vor Ausweisung. Merkel antwortete, Deutschland könne nicht alle Flüchtlinge aufnehmen. Daraufhin fing Reem an zu weinen. Merkel versuchte sie zu trösten und streichelte das Mädchen. Im Internet gab es daraufhin einen Sturm der Entrüstung über die angeblich kaltherzige Antwort.

Das Buch zeichnet den mitunter leidvollen Weg Reems nach. Sie wird – wie ihre Geschwister – in vierter Generation in dem Flüchtlingslager Wavel geboren. Sie kommt zu früh auf die Welt. Weil die medizinische Versorgung im Lager katastrophal ist, wird sie nicht ausreichend beatmet. Das hat Folgen. Als andere Kinder schon laufen, sitzt Reem im Rollstuhl. Bis heute ist ein Teil ihres Körpers gelähmt.

Durch einen Onkel in Düsseldorf erfahren Reems Eltern von einer Stammzellentherapie, die dem Kind helfen könnte. So fliegt Reems Mutter mit dem Mädchen und dessen kleinem Bruder 2010 das erste Mal zur Behandlung nach Deutschland. Es soll der Anfang einer Odyssee sein, die Reem Sahwil auf jugendliche, manchmal noch kindhafte Weise beschreibt, unterstützt von der Co-Autorin Kerstin Kropac. Reem berichtet von den vielen Krankenhaus-Aufenthalten und Operationen in Düsseldorf, der Weiterreise im Zug ins schwedische Malmö, und sie erzählt von den Sorgen der Mutter, als der Vater kein Ausreisevisum erhält.

Der kommt schließlich über die Balkanroute nach Europa. Und sie erinnert sich daran, wie die Familie Schweden wieder in Richtung Deutschland verlassen muss, weil es das Dublin-Abkommen so verlangt. „Dieses Mal würden wir wie ein Boot ohne Steuerung in den Behördenwellen hin und her geworfen werden. Irgendwohin. Deutschland war groß. Und fremd“, beschreibt Reem Sahwil ihr Empfinden von damals.

Der Flüchtlingsverteilungsschlüssel brachte die Familie Sahwil schließlich nach Rostock. Anfangs, so schreibt Reem, sei Rostock ein ebenso komischer Name gewesen wie Horst, ein abgelegenes Dorf mit der Erstaufnahme-Einrichtung für Flüchtlinge in Mecklenburg-Vorpommern. Inzwischen sei die Stadt aber Heimat geworden – auch dank vieler Unterstützer und Freunde, be richtet sie. Die 16-Jährige kann heute selbstständig laufen, ihre Mutter arbeitet als Sozialarbeiterin. „Wir leben alle zufrieden in Rostock. Wir haben hier nicht nur unser Zuhause, vor allem auch zu uns gefunden“, schreibt Reem. Sie will nicht weg. Doch der Aufenthaltsstatus der Familie gilt, so steht es im Buch, vorerst nur bis Oktober 2017.

„Ich habe einen Traum – Als Flüchtlingskind in Deutschland“ von Reem Sahwil (mit Kerstin Kropac), Heyne, 240 Seiten, 9,99 Euro

„Ich möchte sicher leben“

Dein Buch heißt „Ich habe einen Traum“. Wovon träumst du denn?

Reem Sahwil: Der Titel steht nicht allein für den einen Traum. In Deutschland zu bleiben, zu studieren, ein sicheres Leben zu führen, das sind ein paar meiner Träume. Das Buch soll auch allen in einer ähnlichen Situation Hoffnung geben.

Deine berühmte Begegnung mit Angela Merkel liegt jetzt zwei Jahre zurück. Wie hat dieser Moment dein Leben verändert?

Ich habe viel Neues daraus gelernt, neue Erfahrungen gesammelt, und meine Selbstständigkeit hat sich um einiges gebessert. Danach hat sich auch mein Aufenthaltsstatus noch zum Positiven gewendet.

Wie siehst du deine nächste Zukunft? Willst du immer noch Lehrerin werden?

Ich möchte hier sicher leben, ich möchte hier weiterhin gerne lernen, gerne Träume verwirklichen und mit meinen Eltern glücklich leben. Bis heute möchte ich noch Lehrerin werden. Wer weiß, vielleicht sieht es auch ganz anders aus, wenn es soweit ist, dass ich mich dafür entscheiden muss. Rostock ist eine schöne Stadt, und meine Schule, meine Freunde und meine Familie sind alle hier, das macht mich glücklich. Ich würde gerne hier bleiben.

Interview: Axel Bã¼ssem Jana Schulze

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