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Gemeinsam Lesen und Wurzeln schlagen

Leipzig Gemeinsam Lesen und Wurzeln schlagen

Auf der Leipziger Buchmesse spielen die Themen Flucht und Asyl eine zentrale Rolle.

Leipzig. . Ein tätowierter Matrose, eine Achtzigjährige mit einer warmen Stimme, ein pickliger Teenager und eine Mitarbeiterin der Weltbank: Sie alle haben ein Buch von Charles Dickens in der Hand, lesen reihum daraus vor. Sie teilen ihre spontanen Eindrücke, beim Vorlesen werden ihre Stimmen Teil eines Kunstwerks.

So soll nach der Vorstellung der Berliner Agentur Böhm & Sommerfeld bei der Leipziger Buchmesse das Prinzip des „Shared Reading“ funktionieren. Böhm & Sommerfeld wollen das „geteilte Lesen“ nach Deutschland bringen, Vorbild ist die Liverpooler Organisation The Reader, deren mehr als 100 Mitarbeiter Lesehappenings in Schulen, Altenheimen, Gefängnissen und Unternehmen organisieren. Die Gründerin Jane Davis erzählt in Leipzig von einem Gefängnisinsassen, der sich mit Rilkes „Panther“ identifizierte und von einem Afghanistan-Veteran, aus dem es mitten in der Lektüre von „Im Westen nichts Neues“ plötzlich herausbrach: „Diese Angst. Dieser Soldat, das bin ich.“

Die gemeinsame Lektüre als verbindender und sogar heilender Kraftspender — welch stimmige Botschaft zum Auftakt der Leipziger Buchmesse, die primär ein großes Lesefest ist. Bis Sonntag werden an 410 Orten 3000 Autoren erwartet.

Die Debatte um Zuwanderung steht mit 60 Lesungen und Diskussionsrunden im Zentrum der Messe. Der Hueber-Verlag bringt in einem Crashkurs Ehrenamtlichen bei, wie sie Asylsuchenden die deutsche Sprache vermitteln können, an Hörstationen in der Glashalle erzählen Flüchtlinge aus Leipzig ihre Geschichte. So wie der 20 Jahre alte Aladdin. In Syrien ist der Sohn eines Professors mit Stromstößen gefoltert worden, seit sechs Monaten lebt er in Leipzig und organisiert mit seinen Freunden deutsch- arabische Partys. In fast akzentfreiem Deutsch berichtet er, wie er lieber auf Demonstrationen gegen Assad gegangen ist, statt für das Abitur zu lernen: „Meine Eltern wollten mich abhalten. Aber ich habe gesagt, das Abitur kann ich auch nächstes Jahr machen. Freiheit brauche ich jetzt.“

Aladdin will hier studieren, aber danach in seine Heimat zurückkehren.

Die aktuelle Politik kommentiert der frischgekürte Träger des Leipziger Buchpreises zur Europäischen Verständigung, Heinrich August Winkler. Der Historiker sagt: „Wenn wir die Sicherung der europäischen Außengrenzen anstreben, und das sollten wir, kommen wir um Gespräche mit sehr schwierigen Partnern wie der Türkei nicht herum.“ Seit dem Beginn der EU-Beitrittsverhandlungen sei in dem Land ein Abbau von Pluralismus und Rechtstaatlichkeit zu verzeichnen, deshalb solle Deutschland nicht den Eindruck vermitteln, dass die Türkei bald in die EU aufgenommen werde.

Im Forum „Traduki“ in Halle 4, das sich mit Flucht, Migration und Heimat beschäftigt, ist das Bild eines Fußes zu sehen, der im Gehen eine Wurzel ausreißt. Sie wird mitgenommen an den neuen Ort. Die rumänische Autorin Marina Vujçic stellt hier den Roman „Und dann fing Bozo wieder von vorne an“ vor, der von solch einer Wurzelverpflanzung erzählt, von einem Mann, der seine Frau und sein Leben in Split zurücklässt.

Das Frühjahrsprogramm der Verlage ist voll von Fluchtgeschichten: Michael Köhlmeier stellt in Leipzig den Roman „Das Mädchen mit dem Fingerhut“ vor. Er kreist um ein Kind, das nicht weiß, woher es kommt oder warum es hier ist. Christoph Hein, Grand Seigneur der ostdeutschen Literatur, sagt in der Arena der „Leipziger Volkszeitung“, Fremdenhass sei kein sächsisches Phänomen. „Es gehört — leider — zur menschlichen Natur, sich im Rudel zusammenzurotten und nach außen abzugrenzen.“ Heins aktueller Roman „Glückskind mit Vater“ handelt von einer anderen Art von Flucht, der psychischen Flucht vor dem Vater.

Der vielleicht am kontroversesten diskutierte Roman stammt von Karen Duve. In „Macht“ entwirft sie eine apokalyptische Zukunftsversion: Der Planet ist hoffnungslos zerstört, Frauen regieren das Land, und der Protagonist hält seine Exfrau über Jahre als Sexsklavin im Keller gefangen. Auf der Messe erzählt Duve, sie sei von Entführungsfällen wie Natascha Kampusch inspiriert worden. „Der Science-Fiction-Überbau kam erst durch die Frage: Was hat die Sache Kampusch mit uns allen zu tun? Ich wollte keinen Psychopathen zeigen, sondern jemanden, der im Angesicht des Weltuntergangs durchdreht.“

Von Nina May

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