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„Gemeinschaft freier, fröhlicher Geister“

Lübeck „Gemeinschaft freier, fröhlicher Geister“

Nächste Woche findet das Lübecker Literaturtreffen statt, erstmals ohne Günter Grass — Der Schriftsteller Tilman Spengler über den Autorenkreis und darüber, wie es ohne den Gründer weitergeht.

Beim Literaturtreffen 2015 war Günter Grass noch dabei (v.l.): Sherko Fatah, Feridun Zaimoglu, Nicol Ljubic, Fridolin Schley, Ingo Schulze, Grass, Irina Liebmann, Tilman Spengler, Norbert Niemann und Georg Oswald im Schabausaal der Stadtbibliothek in Lübeck.

Quelle: Olaf Malzahn

Lübeck. LN: Das nächste Lübecker Literaturtreffen ist das erste ohne Günter Grass — wie wird das sein?

Tilman Spengler: Das wissen wir alle nicht und sind selbst ein bisschen gespannt darauf. Die Atmosphäre und die Verfahrensweisen haben sich aber so eingespielt, dass ich erwarte, dass es so ablaufen wird, wie er es sich gedacht hat.

LN: War es sein Wunsch, das Treffen auch ohne ihn fortzusetzen?

Spengler: Ja. Am liebsten mit ihm. Aber er hat tatsächlich diesen Wunsch geäußert, einen Wunsch, den man gern respektiert.

LN: Übernehmen nun Sie — der Alterspräsident — die Rolle des Wortführers?

Spengler: Ich — derjenige mit den breitesten Epauletten auf der Schulter? Nein. Außerdem wird mehr moderiert als ein Wort geführt. Alles wird bei Tee und Keksen — später gibt es auch andere Getränke — sehr freundlich verhandelt. Das Lübecker Literaturtreffen ist nicht der Vatikan.

LN: Sondern was?

Spengler: Eine Gemeinschaft freier, fröhlicher und unabhängiger Geister.

LN: Sie tagen unter Ausschluss der Öffentlichkeit, deshalb weiß man sehr wenig darüber — was passiert eigentlich beim Literaturtreffen?

Spengler: Die Autorinnen und Autoren tragen Texte vor, die noch nicht veröffentlicht sind. Meistens lesen sie Passagen vor, mit denen sie in eine Schwierigkeit geraten oder über die sie unsicher sind, oder von denen sie glauben, dass sie ihnen besonders gut gelungen sind. Das dauert etwa so lange wie eine Schulstunde, 15 Minuten wird gelesen und der Rest wird darüber geredet.

LN: Einige Schriftsteller wie Benjamin Lebert oder Feridun Zaimoglu sind immer wieder dabei. Ist das Lübecker Literaturtreffen eine geschlossene Veranstaltung?

Spengler: Nein. Wir versuchen, auch Teilnehmer einzuladen, die noch nie dabei waren, in diesem Jahr sind es Lena Gorelik, Karin Köhler und Christiane Neudecker. Das ist keine Hermetik, sondern ergibt sich nach Disposition, Aufgeschlossenheit und auch auf Zuruf.

LN: Das Lübecker Literaturtreffen hat schon Tradition, 2005 fand es erstmals statt. Gibt es eigentlich Nachahmungen?

Spengler: Nein, jedenfalls ist mir darüber nichts bekannt.

LN: Vor zwei Jahren haben die Teilnehmer des Treffens einen Appell an die Bundesregierung ausgesandt, die afghanischen Hilfskräfte der Bundeswehr nach Deutschland zu holen. Nun beschäftigt die Flüchtlingskrise das Land wie kein anderes Thema. Wird der Kreis auch in diesem Jahr wieder politisch Stellung beziehen?

Spengler: Das ist schon möglich. Eine Voraussage kann ich jedoch nicht treffen. Die Teilnehmer teilen vermutlich die meisten Grundüberzeugungen, ein politisches Mandat aber haben sie nicht.

LN: Nicht einmal ein von Günter Grass geerbtes. Politische Einmischung wäre aber im Sinne von Günter Grass.

Spengler: In der Tat. Aber das Primäre ist das Literarische. Das Literarische ist sozial, versteht sich selbstverständlich als in der Gesellschaft verortet. Wenn‘s den meisten unter den Nägeln brennt, muss man sich zu Wort melden. Wenn das so ist, dann machen wir es auch.

LN: Erheben Schriftsteller in Deutschland zu selten ihre Stimme?

Spengler: Da bin ich mir nicht sicher. Ich glaube, dass dies eine Frage der Dosierung ist. Was übrigens für alle Bürgerinnen und Bürger gilt, nicht nur für Schriftsteller. Immer stellt sich die Frage, in welchen Chor man einstimmt und ob man dem Chor damit mehr Gehör verschafft. Ich würde radikal ekklektizistisch entscheiden, das heißt: von Fall zu Fall.

LN: Am 23. Januar wird es zum Abschluss des Autorentreffens wieder eine öffentliche Lesung geben. Woraus werden Sie vortragen?

Spengler: Ich werde aus einer Flüchtlingsgeschichte lesen, die sich in München zugetragen hat.

LN: Worum geht es?

Spengler: Um einen jungen Mann, der von südlich der Sahara nach München gekommen ist.

LN: Handelt es sich um den Text, den Sie auch den Kollegen vorstellen werden?

Spengler: Vermutlich ja. Ich sitze schon ein bisschen länger daran. Ich hoffe, es wird ein Roman. Es gibt eine Stelle, von der ich denke, dass vielleicht eine andere Person einbezogen werden müsste. Dazu können mir hoffentlich die anderen etwas sagen.

Treffen im Günter-Grass-Haus, Lesung im Theater
Elf Schriftstellerinnen und Schriftsteller treffen sich am vierten Januarwochenende in Lübeck, um über ihre aktuellen Arbeiten zu diskutieren. Diese Treffen fanden seit 2005 jährlich auf Einladung von Günter Grass statt.
Die Autoren sind: Nora Bossong (34, „36,9°“); Lena Gorelik (34, „Null bis Unendlich“); Karen Köhler (41, „Wir haben Raketen geangelt“); Benjamin Lebert (34, „Mitternachtsweg“); Dagmar Leupold (60, „Unter der Hand“); Eva Menasse (45, „Lieber aufgeregt als abgeklärt“); Christiane Neudecker (41, „Sommernovelle“); Norbert Niemann (54, „Die Einzigen“);
Fridolin Schley (39, „Die Achte Welt: Fünfzig Jahre Super 8“); Tilman Spengler (68, „Waghalsiger Versuch, in der Luft zu kleben“); Feridun Zaimoglu (51, „Siebentürmeviertel“).
Zum Abschluss lesen die Autoren am Sonnabend, 23. Januar, um 19 Uhr im Theater Lübeck aus ihren Werken.

Moderation: Tilman Spengler,
Eintritt: 15 Euro.

Interview: Liliane Jolitz

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