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Kultur im Norden Bezwingend intensiv: „Woyzeck“ in Schwerin
Nachrichten Kultur Kultur im Norden Bezwingend intensiv: „Woyzeck“ in Schwerin
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14:31 12.03.2019
Hannah Ehrlichmann (r.) als Woyzeck und Özgür Platte als Hauptmann in der Schweriner „Woyzeck“-Inszenierung. Quelle: Silke Winkler
Schwerin

Das Bühnenbild ist hier Sinnbild. Schäbige Fliesen liegen überall, teils zerborsten, auf dem Boden, der hinten in einer steilen Schräge ausläuft. Der von Emilia Schmucker gestaltete Spielraum im E-Werk des Schweriner Staatstheaters gleicht einem Trümmerfeld.

Genau der richtige Ort für Georg Büchners 1836/37 geschriebenen „Woyzeck“, der, selbst Bruchstück geblieben, das Bruchstückhafte menschlicher Existenz in heute noch unfassbar moderner Form zur Sprache bringt. Alice Buddeberg lässt in ihrer Inszenierung den heißen Atem, mit dem der Autor sein Dramenfragment in kürzester Zeit hinfetzte, unmittelbar spüren. Achtzig Minuten Spannung und Anspannung in einer Aufführung, die bei der Premiere mit starkem Beifall quittiert wurde.

„Jawohl, Herr Hauptmann!“

In seinem Bühnenfragment„Woyzeck“ hat Georg Büchner einen realen Fall verarbeitet, in dem ein in die Raserei Getriebener einen Menschen ersticht. In dem Stück lauten Franz Woyzecks erste vier Sätze dreimal: „Jawohl, Herr Hauptmann.“ Werner Herzog hat den Stoff 1979 mit Klaus Kinski in der Hauptrolle verfilmt.

Georg Büchner(1813-1837) wurde nur 24 Jahre alt, bevor er an Typhus starb. In dieser Zeit aber hat er mit „Woyzeck“, „Leonce und Lena“ und „Dantons Tod“ drei Klassiker nicht nur des deutschen Theaters geschrieben.

Woyzeck wird hier von einer Schauspielerin verkörpert, und dies ist mal keine bloß modische Marotte, sondern ein schlüssiges Zeichen für die Fremdheit des Protagonisten in einer abweisend kalten Welt. Aufregend, wie Hannah Ehrlichmann der Figur neue Farben und Töne abgewinnt. Sie, die mit bezwingender Intensität spielt, zeigt Woyzeck nicht mehr ausschließlich als den sonst oft präsentierten jungen Mann, der von inneren Furien gehetzt und von Mitmenschen ausgebeutet und gedemütigt wird – sie führt ihn auch vor als einen, der sich auf seine Weise wehrt und mit stiller Kraft aufbegehrt. Ein sich tief einprägender Woyzeck.

Dessen Waffen sind naiv erscheinende, jedoch gestochen scharfe Fragen. Wem sie gestellt werden, dem verschlägt es die Sprache. Für ein paar knisternde Augenblicke verstummen sogar die beiden Typen, die sonst große Töne spucken: der philosophisch wüst schwadronierende Hauptmann (kraftvoll: Özgür Platte), dem der einfache Soldat Woyzeck dienstbar ist; und der auf Stöckelschuhen wie eine Pop-Ikone daherstolzierende Doktor (biestig arrogant: Janis Kuhnt), der Woyzeck als Versuchskaninchen für seine unsinnigen Experimente missbraucht. Beide stehen schließlich nackt da, moralisch blamiert bis auf die Knochen.

Blutspur am Hals

Dennoch braucht Woyzeck die paar Groschen, die sie ihm zahlen. Für Marie (oszillierend zwischen Sanftheit und Sinnlichkeit: Antje Trautmann), seine Geliebte, und den gemeinsamen Sohn. Ihm selbst hingegen ist das Geld schnuppe. Wenn er es zu Marie bringt, händigt er es ihr nicht aus, sondern wirft es wie Konfetti in die Luft. So locker und leicht befreit sich Ehrlichmanns ganz anderer Woyzeck vom gesellschaftlichen Zusammenhang zwischen Geld und Liebe. Und er mordet auch anders. Als er Marie, die ihn mit dem tumben Tambourmajor (Markus Paul) betrügt, schließlich tötet, ist es wie ein letzter Liebesakt. Fast zärtlich zieht er mit dem Messer die Blutspur um ihren Hals.

Neu erfunden auch die Rolle des Narren (großartig hintersinnig: Robert Höller), der in Schwerin so etwas ist wie Woyzecks Alter Ego im gleichen Pullover. Eine schrill aufreizende Echo-Stimme aus dem Unterbewusstsein, die eben das, was der eher spracharme Protagonist denkt und fühlt, schneidend scharf artikuliert. Und die tiefere Narren-Wahrheit lautet vielleicht: Woyzeck ist Opfer wie Täter.

Nächste Vorstellungen: 22. und 28. März, 19.30 Uhr. Karten: 0385/53 00 129.

Hermann Hofer

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