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Kultur im Norden Geschichte von Macht und Versuchung
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20:14 29.06.2017
Berlin

Deutschland im Jahr 2019. Die ewige Regierungschefin Hedwig Kleinert hat abgewirtschaftet. Zwar rettet sie in den Bundestagswahlen ihre Konservativen noch auf Platz eins der Wählerstimmen, doch dahinter kommt mit viel Dynamik schon die rechtspopulistische Deutsch-Nationale Mehrheitspartei. Die Partei mit ihrem neonazistischen Anführer Urban Hansen greift nach der Macht – und mit ihr der ehrgeizige hessische Landesvorsitzende, Paul Levite.

Schriftsteller, Publizist, Politologe und Zeithistoriker: Rafael Seligmann (69). Quelle: Foto: Transit–verlag

Als Quotenjude soll Levite der Partei einen republikanischen Anstrich geben. Der barocke Genussmensch und unstete Geist gewinnt Gefallen an der Macht und entdeckt unerwartet macchiavellinische Züge an sich. Er putscht sich an die Spitze der Bewegung und wird schließlich Bundeskanzler, indem er ein Bündnis mit der DDR (Die Deutschen Realsozialisten) eingeht.

Rafael Seligmann, gewiefter Satiriker einererseits und gefragter Politberater andererseits, erzählt in „Deutsch meschugge“ eine Geschichte von der Macht und ihren Versuchungen, von Hybris und Selbstzweifeln und auch von den Brechungen einer jüdischen Identität im selbstgefälligen Deutschland der Jetztzeit.

Fantasienamen für all die Merkels, Höckes, Gaucks und Wagenknechts, für die Linke und die AfD scheinen nur ausgewählt, um dem Buch die eine oder andere Unterlassungsklage zu ersparen. Denn egal, ob man „Deutsch meschugge“ jetzt als Satire oder als düstere Projektion deuten mag, die Handlung ist – bis auf das etwas zu kulminierte Ende – so frappant realistisch, dass während des Lesens ein Blick auf das eine oder andere Nachrichtenportal Entspannung verschafft: Nein, Merkel ist noch nicht Kleinert, der Bundespräsident heißt Steinmeier, und die AfD steht bei 6,5 Prozent in den Umfragen

Dass allerdings die AfD vermehrt um jüdische Bürger buhlt, deren berechtigte Angst vor islamistischen Radikalen schamlos ausbeutet, dazu auch die Furcht der jüdischen Mitglieder, die als demokratisches Feigenblättchen die teils offen neonazistischen Strukturen verhängen sollen – das ist Realität. Dass es den einen oder anderen Paul Levite in der AfD schon gibt, das war Rafael Seligmann nach eigener Aussage nicht bekannt. Also hat ihn die Realität hier schon eingeholt, wenngleich die literarische Stärke des Buches vor allem in der fein durchbrochenen Schilderung des Menschen Levite liegt, eines selbstzweifelnden Polterers, der eigentlich von allen geliebt werden möchte und alle liebt. Vor allem alle Frauen, wenn auch nur erotisch. Und weil er den Schwung der ersten Verliebtheit niemals verlieren möchte, wechselt er die Damen auch, bevor sich nur ein Ansatz von Routine entwickeln kann.

Diese private Unstetheit, die Seligmann mit feiner Ironie an den Rändern jüdischen Selbstmitleids entlang- und vorbeiführt, hat natürlich mit den Erlebnissen der NS-Judenverfolgung zu tun, aus der sich auch Levites einziges moralisches Motiv speist: Nie wieder wehrlos zu sein.

Die sensible Schilderung dieses so vielschichtig verstörten Helden ist für das Buch mindestens so wichtig wie die implizite politische Mahnung des Autors, die Demokratie im Lande sei nur ein dünner Firnis über der Barbarei. Wer „Deutsch meschugge“ liest, wird um diese Erkenntnis nicht herumkommen, schon allein deshalb nicht, weil manches unnötig dick aufgetragen wird. Wieso bei der Rechtspartei permanent von Gauen und Reichsvorstand die Rede ist, erschließt sich überhaupt nicht, da die Strukturen ansonsten gänzlich unberührt bundesdeutsche sind.

Da sind dem Lektor einige überflüssige Nazi-Arabesken durchgerutscht. Sie allerdings trüben das Leseerlebnis kaum. Das könnte wohl nur die Realität, so sie denn das Buch überholen sollte

„Deutsch meschugge“ von Rafael Seligmann, Transit-Verlag, 288 Seiten, 24 Euro

Journalist und Autor

Rafael Seligmann (* 13. Oktober 1947 in Tel Aviv) wanderte 1957 mit seinen Eltern von Israel nach Deutschland ein und studierte Politikwissenschaft und Geschichte. Er schrieb Essays, Kommentare und Kolumnen und war 1981/82 außenpolitischer Berater in der CDU-Bundesgeschäftsstelle in Bonn. Seit 2004 ist Seligmann Chefredakteur der in Deutschland und in den USA erscheinenden Monatszeitung „The Atlantic Times“. Mit seinem Romandebüt „Rubinsteins Versteigerung“ (1988) schrieb er das erste Werk der Gegenwartsliteratur deutscher Juden.

DanielKilly

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