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Kultur im Norden Geschichten wie aus einem Roman
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18:59 19.05.2016

Bei jedem neuen Buch von Saša Stanišić wird darauf hingewiesen, dass der Autor, 1978 in Bosnien geboren, erst mit 14 Jahren nach Deutschland kam. Als Kriegsflüchtling. Und dass es erstens erstaunlich und zweitens atemberaubend ist, wie souverän und kreativ Saša Stanišić  mit der deutschen Sprache verfährt. Da kann ihm kein zweiter heimischer Autor das Wasser reichen. In seinem neuen Erzählband „Fallensteller“ erfährt man auch, über welch ausufernde Fantasie er verfügt. Da weiß ein Junger nicht so richtig, wie er sich in einer Gruppe Älterer in Cordhosen artikulieren soll – bis er beschließt: „Ich lasse das Sprechen spontan von der Leine des Denkens.“ Saša Stanišić wiederum lässt das Schreiben von der Leine der Konvention.

 

Saša Stanišic (38). Quelle: dpa

Eigentlich sind alle seine Kurzgeschichten Romane im Kleinen. Sein Erzählen mäandert durch Raum und Zeit. In der ersten Erzählung mit dem schweifenden Titel „Die Große Illusion am Säge-, Holz und Hobelwerk Klingenreiter Import Export“ erlebt man nicht nur den Versuch eines alten Mannes, das Publikum eines Festes mit Zaubereien zu gewinnen, man erfährt auch alles über die Tragik dieser Person, die ihr Leben lang übersehen wurde und nun die Kunst des magischen Verschwindens vorführen will. Niemand nimmt von ihr Notiz.

Die längste Geschichte, die mit dem Titel „Fallensteller“, ist tatsächlich Teil eines Romans – die Fortschreibung von Stanišics „Vor dem Fest“, 2014 mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet. Er spielt in einem Dorf in Brandenburg. Lada, der mehrmals mit dem Auto im See landet, taucht jetzt wieder auf, der einbeinige Bäcker Zieschke („Er hat sein Bein an die Kippen verloren“) und seine Frau, die Malerin, auch. Dass da mal ein Autor vorbeigeschaut hat und ein Buch über die Leute verfasste, „ein verweichlichter Jugo“, erfährt man nebenbei auch.

Saša Stanišić Figuren sind allesamt Außenseiter, die die Norm verlassen, mehrheitlich eigentlich traurige Gestalten. Doch er berichtet über sie – mehr noch: fühlt sich in sie ein – mit Witz und heiterer Gelassenheit. Beides zeichnet übrigens auch den Vorleser Saša Stanišić aus. Heute Abend im Lübecker Günter Grass-Haus kann man ihn bewundern.

„Fallensteller“ von Saša Stanišić, Luchterhand, 288 Seiten, 19,99 Euro. Lesung im Günter Grass-Haus: heute, 19 Uhr.

 mib

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