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Geschichten zum Weiterdenken

Geschichten zum Weiterdenken

Judith Hermann muss sich bis heute an ihrem Debüt von 1998 messen lassen. Das Buch hieß „Sommerhaus, später“, es bestand aus Geschichten, die von Menschen zwischen Jugend und Erwachsensein handelten.

Judith Hermann muss sich bis heute an ihrem Debüt von 1998 messen lassen. Das Buch hieß „Sommerhaus, später“, es bestand aus Geschichten, die von Menschen zwischen Jugend und Erwachsensein handelten. Hermann, die damals 28 war, habe den „Sound einer neuen Generation“ gefunden, das Lebensgefühl einer nicht ganz so goldenen Jeunesse dorée wiedergegeben, befanden die Kritiker.

 

LN-Bild

Autorin Judith Hermann (46).

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Nach weiteren Erzählungen („Nichts als Gespenster“) und einem wenig erfolgreichen Roman („Aller Liebe Anfang“) beweist Judith Hermann jetzt wieder, was ihre Stärke ist: der kurze Abriss von Begegnungen zwischen Menschen, deren Existenz sie nicht begründen muss, die an nicht definierten Orten leben, in unklarer Zeit. „Lettipark“ heißt der Band, nach dem Sehnsuchtsort einer Protagonistin.

Hermann, nun 46 Jahre alt, hat ihre Personen altern lassen – fast alle lernt man mit Vornamen kennen, sie sind jetzt spätgebärende Mütter und arrivierte Väter, sie leben als illusionslose Singles oder in Beziehungen, die soeben in die Brüche zu gehen drohen.

Es passiere nicht viel in den Geschichten, behauptet eine Rezensentin. Doch, doch, es passiert jede Menge. Selbst wenn eine Frau namens Ella nur an einem Lagerfeuer auf ihren Begleiter Carl wartet (der aber nicht kommt), ist da vieles zu erleben. Wie das Feuer niederbrennt, wie sich zu Ella ein Junge setzt, der fragt, wie viele Sterne am Himmel zu sehen seien und der ein belangloses Bild verschenken will. Er verbrennt es dann. Es sind Kleinigkeiten, Alltäglichkeiten, die hier eine große Aufmerksamkeit erlangen. Die Sorgen eines bürgerlichen Paares, wie es mit seinen asozialen Nachbarn umgehen soll. Der Versuch eines anderen Paares, in Russland ein Kind zu adoptieren. Man ahnt am Schluss, dass der Erfolg der Prozedur zum Zerwürfnis zwischen den beiden führen wird.

Als Leser kommt man nicht umhin, die Vorgeschichte und den weiteren Verlauf der Begegnungen selbst zu imaginieren. Und das ist die Stärke von Judith Hermanns Erzählkunst: dass sie einem das Weitererzählen aufbürdet.

„Lettipark“ von Judith Hermann, S. Fischer Verlag, 192 Seiten, 18,99 Euro

Michael Berger

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